Montag, 13. Mai 2013

EVIL DEAD (USA 2013) - Der Versuch einer unbefangenen Kritik

The Evil Dead heißt jetzt nur noch Evil Dead. Ein junger Ash (ehemals: Bruce Campbell) ist nicht dabei. Das Remake nimmt sich sehr, sehr ernst. Eigentlich ist damit bereits fast alles gesagt.

Quelle: Sony Pictures Releasing

Schon eine vorsichtige kritische Annäherung an das Remake des Low Budget-Horrorklassikers Tanz der Teufel (1981) von Sam Raimi ist höchst gefährlich. Als Fan eines Genres, das sich seit vielen Jahren oft nur damit begnügt, mit gross-out-Effekten und überzogenem Sadismus die Talent- und Einfallslosigkeit hinter der Kamera zu kaschieren, frohlockt man natürlich ob der vielen positiven Stimmen im Vorfeld des Kinostarts. Da sind zum einen die US-Fanboys und ersten Kritiker, die Evil Dead 2013 (im folgenden ED2013) bei einem großen Indie-Festival gesichtet hatten und sich on- und offline vor frühzeitigem Lob überschlugen. Da sind zudem die Produzenten Raimi und Rob Tapert, welche sich im PR-Gewitter unzählige Male darüber ausließen, welch großes Talent der junge Regisseur des Remakes sei und man sich bei dessen Inszenierung dem Oldschool-Horror insofern verpflichtet fühle, dass man weitgehend auf computeranimierte Spezialeffekte verzichtete. Und ganz ehrlich: die Kinoposter und blutgetränkten Trailer machten Lust auf den Film. Ja, große Lust. Lust auf die in jeder Hinsicht aufgemotzte Version eines der verbotensten Filme aller Zeiten.

Andererseits schwingt natürlich bei jeder Ankündigung der Neuauflage eines kultisch verehrten Horrorfilms die Sorge um dessen Qualität mit. Wissenschaftliche Studien hierzu mag es noch nicht geben, doch kann sich der geneigte Genreliebhaber darüber recht gewiss sein, dass 90 Prozent oder mehr aller Remakes - egal ob Horror oder nicht - dem Original nicht das Wasser reichen können. Noch schlimmer: in der Regel sind sie gar an den gängigen Qualitätsstandards des Genres gemessen richtig mies. Der Blick auf den unerfahrenen Regisseur und dessen Weg zum Ruhm - ein nett getrickster YouTube-Kurzfilm namens Ataque de Pánico! - lassen Assoziationen zu auswärtigen Regiewunderkindern mit einem Blick für hübsche Bilder wach werden, auf die man in Hollywood gerne zurück greift, wenn man einen technisch versierten und preiswerten Platzhalter auf dem Regiestuhl sucht, den man nach Bedarf herumschubsen oder ersetzen kann. Ist Fede Alvarez also nur ein weiterer Marcus Nispel (The Texas Chainsaw Massacre, 2009; Freitag der 13., 2011), Dennis Iliadis (Last House on the Left, 2009) oder Matthijs van Heijningen (Das Ding, 2011)? Nichts wünsche ich mir vor Beginn von ED2013 mehr, als dass man meine Befürchtungen zerstreut.

Der Film beginnt---

Quelle: Sony Pictures Releasing

If the cliché ain't wrong, don't fix it!


Viel Negatives kann man über die fünf Figuren, die sich nach einem mäßig getricksten aber effektiven Prolog ins Bild schieben, nicht sagen. Charakterlich blass und austauschbar, von attraktiven Jungschauspielern adäquat portraitiert, besteht ihre primäre Funktion für die Handlung darin, früher oder später von den Dämonen das Waldes besessen zu werden und/oder durch deren Hand einen grausamen Tod zu sterben. Sofern die Gerüchte, Diablo Cody (Young Adult) habe inoffiziell am Drehbuch mitgewirkt, stimmen, so merkt man es Handlung und Dialogen nicht an: ein zerstrittenes Geschwisterpaar - Mia und David, deren Freunde Eric und Olivia sowie Davids Freundin Natalie - verbringen ein paar Tage in einer Cabin in the Woods, wo sie im Keller nebst dekorativ aufgeknüpften Katzenkadavern das aus Tanz der Teufel bekannte Book of the Dead finden. Als bibliophiler Lehrer kann Eric (Lou Taylor Pucci) seine Finger natürlich nicht davon lassen und beschwört durch das Rezitieren der darin befindlichen Formeln die dunklen Geister des Waldes herauf, die wenig später über Mia herfallen und Besitz von ihr ergreifen. Da sie sich gequält von den Entzugserscheinungen ohnehin wie eine Irre aufführt und kurz zuvor erfolglos versucht hat, vor ihren Freunden zu fliehen, interpretieren diese ihr irres Verhalten nur als Resultat des Drogenentzugs... nicht ahnend, dass ein Dämon bereits unter ihnen in der Hütte weilt.

Quelle: Sony Pictures Releasing

Der narrative Mehrwert des Remakes


Der passionierte Tanz der Teufel-Fan wird bei Stichwörtern wie "zerstrittenes Geschwisterpaar" und "Drogenentzug" natürlich hellhörig. Dass die von Jane Levy portraitierte Mia von ihren Freunden zum Ausflug in den Wald mehr oder weniger überredet wurde, um dort durch einen kalten Entzug ihre Heroinabhängigkeit endgültig zu besiegen, ist eines der wenigen erzählerischen Alleinstellungsmerkmale des Remakes. Dass ihr Bruder, den sie im Film mehrfach der Vernachlässigung der verstorbenen Mutter beschuldigt, ebenso im Boot sitzt, ist ein weiteres. Rückblickend empfinde ich es als ärgerlich, dass der Punkt überflüssige Handlungselemente keinen Platz in meiner Liste von Remake-Todsünden gefunden hat. Dabei erfüllen diese biographischen Details in den Augen der Filmemacher offensichtlich gleich mehrere Zwecke:

  • Der Zuschauer nimmt durch die persönliche Komponente ungleich stärker am Leiden der Figuren teil. (Nutzfaktor: mäßig. Die Idee ist prinzipiell gut, dennoch hält sich das Mitleid für einen schmollendes, verbittertes Junkie-Mädel seitens des Publikums mutmaßlich in Grenzen).
  • Solch charakterliche Bonusfeatures verleihen stereotypen Figuren Tiefe. Mehrdimensionale Charaktere steigern die Qualität des Films. (Nutzfaktor: gering. Filme wie Tanz der Teufel und ED2013 wollen vordergründig schockieren und erschrecken. Dazu bedarf es keiner komplexen Charaktere.)
  •  Potentielle Löcher im Plot wie beispielsweise die Frage nach dem "Warum?" für den Trip zu einer schäbigen Hütte mitten im Nirgendwo finden eine Antwort: das hygienisch unbedenkliche und erbauliche Umfeld des dunken Waldes bilden die perfekte Örtlichkeit für einen kalten Entzug. (Nutzfaktor Logik: nicht vorhanden.)
  • Der Autor-Regisseur möchte dem Vorwurf des Zynismus und der Einfallslosigkeit, das gegenüber Remakes oftmals geäußert wird, entgegen treten mit eigenen Ideen. (Nutzfaktor: adäquat für den Filmemacher, wertlos für das Kinopublikum).

Quelle: Sony Pictures Releasing

Schluss mit lustig: Schauspieler, Musik und blutiges Gekröse


Als zweckdienlich kann man die schauspielerischen Leistungen bewerten. Niemand aus dem Ensemble der Jungdarsteller tut sich in einer Weise hervor, die sie oder ihn als neuen Stern am Hollywoodfirmament etabliert. Jessica Lucas als Krankenschwester Olivia ist das vergleichsweise stärkste, Shiloh Fernandez als David das schwächste Glied in der Talentkette. Den Bücherwurm Eric möchte man als geneigter Zuschauer lieber mögen als man dies letztendlich tut - denn dafür ist sein Verhalten oftmals zu idiotisch. Aber wer kauft schon ein Kinoticket für Evil Dead, um darstellerische Glanzdarbietungen zu genießen? Schreien und dabei entsetzt dreinblicken können sie alle und so mancher gute MakeUp-Effekt und das knackiges Sounddesign des Films bieten ihnen ausreichend Gelegenheit dazu. [**un petit Spoiler**] Letzteres lässt uns gar das ein oder andere Mal gar nicht wahrnehmen, dass die Gewaltakte auf der Leinwand - Stichwort: Nagelpistole - weniger schockierend sind als das, was wir glauben zu sehen. Ein abgerissener Arm und eine Kettensägen-induizierte Persönlichkeitsspaltung sind die viszeralen Highlights des Films. [**/Spoiler**] Abgesehen davon sollte man sich vor Sichtung des Films sehr wohl darüber bewusst sein, dass zwar so manche blutige Schweinerei grenzwertig ist für eine Studioproduktion mit einer US-Jugendfreigabe, mit Tabubrüchen wie zuletzt im südkoreanischen und französischen Mainstreamkino aber nicht zu rechnen ist.

Wenig überraschend ist auch, dass das Remake zu gängigen Genre-Standards zurückkehrt. Tanz der Teufel unterwanderte gezielt die Sehgewohnheiten des Zuschauers durch wiederholten Einsatz von Dutch Angles, Schwindel erregende Kamerafahrten und irritierend-ominösen Klängen auf der Tonspur. Der selbst von eingeschworenen Horror-Aficionados gehassliebte tree rape, welcher in Dauer und Intensität der dargestellten sexualisierten Gewalt die Schmerzgrenze fast jeden Kinogängers und vor allem die der Zensoren überschritt, wurde auf eine für das mutmaßlich zartbesaitetere Publikum erträgliche Länge und Härte gestutzt. [**noch ein kleiner Spoiler**] Und die Zeiten, in welchen Ash (Bruce Campbell) als unkonventionell inkompetenter Held mit einem etablierten Horrorfilmklischee brach, sind ebenso vorüber: der konservativere ED2013 lässt zum Finale das altbewährte final girl die Kettensäge schwingen. [**/Spoiler**] Einzig dem Komponisten Roque Baños (Haus und Hofkomponist von Álex de la Iglesia) gelingt ein kreativer Befreiungsschlag im Korsett des überflüssigen Remakes. Sein Score lässt den Film immer wieder für kurze Momente zu einer Größe erwachsen, welche die uninspirierte Arbeit des Regisseurs und seiner Darsteller konterkariert und fast spöttisch kommentiert. Er vollbringt das einzig wahre Teufelswerk in ED2013 und unterwandert geradezu diabolisch clever die Beliebigkeit dessen, was wir auf der Leinwand sehen. Chapeau!

Quelle: Sony Pictures Releasing

Letztlich bleibt vom Kinobesuch des Tanz der Teufel-Remakes zu wenig im Bauch und den Gehirnwindungen hängen. Noch nicht einmal Ärger. Und das ist das größte Versagen des Films. Konnte man das Original noch inbrünstig lieben oder hassen ob seiner anarchisch-exzessiven Qualitäten, so ist ED2013 nur keimfreie, glatt gebügelte Horrorkost für ein Mainstreampublikum. Gepflegte Mittelmäßigkeit. Ein Film, der niemals schmerzt und uns erst in den finalen Momenten mit einem Hauch des Wahnsinns konfrontiert, den wir uns die ersten 80 Minuten herbei gewünscht haben. Schade.

Kommentare:

  1. Die Sneak steht für uns am Mittwoch an. Nürnberg bekommt mal wieder das letzte Stück vom Kuchen bzw. die Krümel nach dem dieser seine große Runde durch die Republik gemacht hat. Manche der übrigbleibenden Krümel sind gerade groß genug um davon satt zu werden. Traurig aber wahr.

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    1. Ich bin gespannt auf dein Urteil. Ich wünschte, EVIL DEAD 2013 hätte mich wenigstens etwas zornig gemacht. Stattdessen fiel er nur in das tiefe, schwarze Loch meines Herzens und ich hörte nicht mal den Aufprall. Lass dir die Krümel munden, mein Lieber.

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    2. Am Ende stellt sich das alles als ein riesengroßes Missverständnis von Seiten dieses jungen neuen Regietalents heraus:
      Er hätte doch lediglich das EVIL ED Remake drehen wollen...

      Kennst du EVIL ED? Nette kleine Splatterkomödie über einen Zensurbeauftragten der in der Abgeschiedenheit einer firmeneigenen Wochenendwaldhütte den brutalsten Film aller Zeiten auf die nötige, vom Chef verlangte, Harmlosigkeit herunterschneiden soll. Angeblich sind alle seine Vorgänger bei der Ersichtung der Bänder und der darauf enthaltenden drastischen Darstellungen, dem Wahnsinn verfallen. Der Beamte greift also zur Schere und das Unheil nimmt seinen Lauf...

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    3. EVIL ED wurde damals in einigen Blättchen als "noch härter und verrückter als BRAINDEAD" beworben. Das ist er natürlich nicht. Ich mochte den Film aber dennoch sehr. Lang, lang ist's her...

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