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Freitag, 4. Mai 2012

Dreams of a Life (UK 2011) - Review

Ab und zu frage ich mich, warum es denn so viel reizvoller ist, abseits des Mainstreams nach Filmschätzchen zu buddeln als in den Multiplex-Kinosälen dieser Welt. Immerhin ist das oftmals ganz schön anstrengend und fruchtlos. Warum kann ich einen eher obskuren, gut 40 Jahre alten Superheldenfilm wie Danger: Diabolik ein Dutzend Mal ohne Ermüdungserscheinungen genießen während mich 200 Mio. Dollar All-Star-Superhero CGI-Bombast à la The Avengers kalt lässt. Einer der Gründe dafür (neben dem offensichtlichen Qualitätsvorsprung, den Diabolik vor Avengers hat), ist natürlich das gute Gefühl, eine echte Entdeckung gemacht zu haben und nun um eine cineastische Erfahrung reicher zu sein, die eine gewisse Exklusivität innewohnt. Ungleich zum medial omnipräsenten 2012er Hollywood-Blockbuster kann ich bei einer 1968er Italo-Actionkomödie ausblenden, dass mutmaßlich in vielen Teilen der Welt zehntausende anderer Filmliebhaber sitzen, die Mario Bavas Fumetti-Adaption verehren. In meinem kleinen Lohmiversum gehört der Streifen nur mir allein. My Preciousssssss!



Dreams of a Life, ein filmisches Essay der britischen Regisseurin Carol Morley, bescherte mir einen dieser exklusiven Was für eine Entdeckung!-Momente. Die Drama-Documentary (wieder ein neues Wort gelernt) erzählt vom Leben einer jungen Frau, Joyce Carol Vincent. Diese fand man im Jahr 2006 tot in ihrer Wohnung vor dem immer noch laufenden(!) Fernseher liegend, der Körper bis zur Unkenntlichkeit verrottet. Nur anhand des Abgleichs ihres Zahnabdrucks mit einem Foto, das ihr Lächeln zeigt, konnte man dem Leichnam eine Identität zuordnen. Das schockierendste Element an dieser traurigen Geschichte ist zum einen die Tatsache, dass Joyce zum Zeitpunkt des Auffindens ihres verwesten Körpers bereits drei Jahre tot war, umgeben von Weihnachtsgeschenken. Zudem wurde sie entdeckt von Mitarbeitern des Gerichtsvollziehers, der einen Räumungsbefehl für ihre Wohnung aufgrund der nicht bezahlten Miete erlassen hatte. Oder anders gesagt: nicht einer ihrer Freunde, ein Familienmitglied oder Nachbarn (die sich monate- und jahrelang nur über den modrigen Geruch, der aus Joyces Wohnung kam, wunderten), entdeckten den Leichnam, sondern ein völlig Fremder. Wie kam es dazu, dass eine junge, attraktive, sozial und beruflich erfolgreiche Frau den Anschluss zur Gesellschaft verlor und niemand ihr Verschwinden bemerkte? Dieser Frage geht Dreams of a Life nach.

Nach der Lektüre eines Sight & Sound-Interviews mit der Regisseurin, in der sie ihre Annäherung an das Thema der Dokumentation beschrieb, war ich zunächst skeptisch. Mit einer Zeitungsannonce und dem auf ein Londoner Taxi geklebten Aufruf an die Bevölkerung, dass jeder, der Joyce Carol Vincent kannte, sie anrufen möge, wollte Morley genügend Zeitzeugen erreichen, die ihr Auskunft über das Leben der unbekannten Toten geben konnten. Die recht große Gruppe an Interviewpartnern und Qualität der Gespräche, welche die Filmemacherin für ihre Dokumentation auf Film bannte, belehrten mich allerdings eines besseren: durch die Aussagen von Weggefährten - Ex-Partner, Mitbewohner, Kollegen und Freunde - entsteht vor unseren Augen das Portrait einer jungen Frau, deren Herkunft und Schicksal uns Rätsel aufgibt, und dennoch einen berührenden Einblick in ihre Seelenwelt gibt und ihr Bedürfnis, auch augenscheinlich engen Vertrauten wenig von sich preis zu geben und langfristige Bindungen zu vermeiden.

Quelle: Dreams of a Life Official Film Site (www.dreamsofalife.com)

Zu viele Details über das Leben der toten Joyce zu verraten, hieße, den Reiz der Dokumentation zu schmälern. Ebenso wie man seinen Mitmenschen nicht die Freude an einem Thriller nehmen sollte, indem man das Ende verrät, so sollte sich auch jeder Zuschauer von Dreams of a Life von den Filmemachern an die berührende Geschichte und ihre Protagonisten heranführen lassen - emotional wie intellektuell. Dies gelingt Carol Morley einerseits durch intelligent geführte und zusammengestellte Gesprächssequenzen. In diesen zeichnen ihre Interviewpartner wie z.B. Ex-Freund Martin Lister ein vorwiegend warmherziges Bild von Joyce, welches allerdings niemals in eine Art posthumer Beweihräucherung endet, da sie auch kritische Stimmen zulässt, die uns verdeutlichen, dass die junge Frau stets unnahbar und meist undurchschaubar blieb. Zum anderen sei Joyces Verkörperung durch die Schauspielerin Zawe Ashton hervorheben, die in den überwiegend wortlosen Spielszenen des Films Momente aus dem Leben der Toten darstellt, die den Zuschauer in einem Zustand zwischen Anteilnahme und Verständnislosigkeit zurück lassen. Auch hier vermeidet die Regisseurin das verkitschte Portrait eines Menschen, dessen Leben und Tod keinen Kitsch rechtfertigt.

Ein kleines Stück Leben - großartig inszeniert. Dreams of a Life ist mutiges, unkonventionelles, und vielfach preisgekröntes Doku-Kino, dem man auch hierzulande großen Erfolg wünscht. Es bleibt zu hoffen, dass der Film auch in Deutschland bald einen Verleih findet.

Freitag, 24. Februar 2012

Julia's Eyes (Los Ojos de Julia, ESP 2010) Live Review - Mal was neues...

Im Bemühen, diesem Blog eine weitere Facette zu verpassen, versucht sich heute euer werter Autor an einer Live-Rezension des spanischen Mysterythrillers Julia's Eyes von Guillem Morales. Ich werde mich dabei bemühen, den Live-Review-Ticker weitgehend Spoiler-frei zu halten. Weder kenne ich Regisseur noch Schauspieler noch Autor des Streifens - insofern ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Los geht's---

Quelle: Amazon.com


0h 04min: ein unglaublich schauriger Prolog. Kaum ein anderer Film, den ich in den letzten Monaten gesehen habe, hat mich gleich zu Beginn so gepackt. Very nice.

0h 8min: So funktioniert aber kein CD-Player ...aaaah, egal.

0h 11min: der unheimliche Nachbar Herr Blasco ängstigt unsere Protagonistin Julia und ihren Mann Isaac bei der Beerdigung ihrer Schwester. Eine 08/15-Szene aus dem kleinen Handbuch des Horrorfilms. Zwischenzeitliche Ernüchterung meinerseits.

0h 13min: huch!

0h 15min: die unheimliche late Katzenlady. Noch so ein Klischee ...seufz!

0h 21min: ein unheimliches Hospital, irre Insassen (nackt!), flackernde Neonröhren, eine Figur im Schatten. Mehr und mehr Klischees. Aber es wirkt. Will heißen: verdammt gruselig.

0h 25min: die Landstraße hinunter auf dem Weg zum Sexhotel. Wuuusch!

0h 31min: "Ich wollte dich nur vor der Wahrheit schützen." - "Welche Wahrheit?" - "Dass es keine Heilung für dich gibt!" Ta-daaa! Streit. Hysterie. Quietschende Reifen. Gute Szene.

0h 36min: Crespulo - cooler Name. Allerdings würde ich einem sinistrem Greis mit diesem Namen nicht in den dunklen Keller folgen wie es Julia tut.

0h 42min: Die Polizei glaubt Julia nicht. Zum Gähnen. Vorhersehbar.

0h 47min: Ehemann verschwunden, die letzte Spur führt in ein ranziges Motel. Ah, das gute alte Motel. Wieder so ein Thriller-Standardmotiv. Was hat das zu bedeuten? Zur Abwechslung mal echte Spannung. Oh nein, schon wieder ein dunkler Keller---

0h 49min: oh wow, das war unerwartet.

0h 56min: dramatischer kann's kaum werden für Julia - dem Wahnsinn nah, allein und gänzlich erblindet. Der mysteriöse Sozialarbeiter Iván hilft ihr sicher... oder?!?

0h 59min: die obligatorische Albtraumszene mit anschließendem Aufwachen - natürlich kreischend und schweißgebadet.



01h 05min: "Iván passt gut auf mich auf..." - wirklich? Irreführung des Zuschauers oder entpuppt sich der nette Pfleger ohne Gesicht am Ende doch noch als Held in strahlend weißer Rüstung für unsere Julia?

01h 13min: Flucht vor dem unbekannten Eindringling durch den Regen. Ist drüben beim lüsternen Nachbarn wirklich sicherer?

01h 17min: das dicke Nachbarsmädel Lía kommt ins Spiel. Noch so eine Figur mit fragwürdigen Motiven. Wem kann Julia trauen?

01h 23min: zwei fette Schocker innerhalb weniger als einer Minute. Eigentlich eher zweieinhalb. Fantastico. Mehr davon!

01h 29min: die Gruselatmosphäre weicht zunehmend einer lupenreinen Horrorthriller-Stimmung (allerdings weitgehend unblutig). Nicht ganz, was ich erwartet hatte, aber durchaus nett.

01h 33min: ausgetrickst und enttarnt. Zeit fürs große Finale.

01h 39min: alten Frauen mit Katzen ist in Thrillern einfach nicht zu trauen. Vorhersehbarer Last-Minute-Twist.

01h 41min: oh igitt!

01h 45min: Lichter aus. Da hat sich jemand ordentlich von Das Schweigen der Lämmer inspirieren lassen.

01h 49min: endet mit mehr blutigem Gekröse als gedacht.

01h 53min: ...und kitschiger als erwartet.

El Fazit: ein schöner Gruselschinken, der am Ende leider etwas weniger hält als er zu Beginn verspricht. Inszenatorisch sehr hübsch gelöst ist Julias Erblindung: mit dem Eintreten dieser zur Halbzeit des Films sieht auch der Zuschauer vorübergehend keine Gesichter mehr. Ansonsten verbrät der Film fast jedes Genrekino-Klischee, was zwischenzeitliches Augenrollen bei mir verursachte, meist aber durchaus für wohlige Suspense und Schockmomente sorgt. Schauspielerisch ist das ganze solide, und sofern man sich nicht an den zahlreichen Löchern im Plot stört - und das tun sowieso nur Spießer - kann man mit Julia's Eyes durchaus Freude haben.

Sonntag, 22. Februar 2009

Black Christmas (CAN 1974) Review [R2]

Mit Olivia Hussey, Margot Kidder, John Saxon, Keir Dullea u.a.
Musik: Carl Zittrer
Kamera: Reg Morris
Buch: Roy Moore

Regie und Produktion: Bob Clark


Immer wieder stößt man in Programmkinos, beim Durchforsten von DVD-Katalogen, Videotheken oder Besuch von Filmbörsen auf den ein oder anderen Genrefilm, der nur ob seines obskuren Poster-Artworks auffällt und bestenfalls einen Gedanken wie „Den Titel habe ich doch irgendwo schon mal gehört…“ auslöst. Zugegeben, der Großteil dieser Machwerke entpuppt sich als hoffnungslos drittklassige Action- oder Horrorgülle, doch immer wieder findet sich auch ein Juwel inmitten eines Haufen von wertlosem Tand. Und im Vergleich zur Situation vor nur zehn Jahren, als man an delikaten Euro-Horror, Spaghetti-Western und Kung-Fu Flicks fast ausschließlich mittels Import von überteuerten Laserdiscs und Videos aus obskuren Quellen gelangte, finden sich heute sogar wenig bekannte Kultstreifen wie Black Christmas in schicker Aufmachung und mit hochwertigem Bonusmaterial bedacht in den Regalen großer Kaufhaus- und Supermarktketten wieder. Natürlich wird es noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, bis auch wirklich jeder kuriose Titel dort zu finden sein wird... aber nur ein wenig Geduld, und wir werden wahrscheinlich schon bald Umberto Lenzis Werke im Lidl um die Ecke wiederfinden. Und ja, meine Freunde, der Sammlermarkt ist tot. Aber mal ehrlich: Wer trauert wirklich den Zeiten nach, als man die für $150 erworbene(n) Laserdisc(s) seines Lieblingsfilms ein bis viermal wenden musste, um zum The End zu gelangen? Und wer erinnert sich wirklich mit nostalgischen Sentiments an das Bootleg-Tape des gerade angesagten Zombie- oder Barbarenfilms, dessen verwaschenes Bild und verrauschter Ton inklusive der ein Drittel des Bildschirms füllenden transsilvanischen Untertitel das Sehvergnügen auf ein Minimum reduzierten? Nun, ich jedenfalls nicht.

Wo waren wir? Ach ja, bei einem kleinen kanadischen Film namens...





In einer gerechten Welt wäre Bob Clarks Weihnachtshorror ebenso populär wie der vier Jahre später erschienene (und technisch ausgereiftere) Halloween (1978). In beiden Filmen geht es um einen mysteriösen Killer, der jungen Frauen bevorzugt nachts in ihren Wohnräumen auflauert, um sie dann kaltblütig zu meucheln. Haben wir es in John Carpenters Film mit High School-Schülerinnen zu tun, hat sich der Mörder in Black Christmas in einer College-Schwesternschaft eingerichtet und startet von seinem Hauptquartier auf dem Dachboden allerlei fiese Morde. Warum gerade an Weihnachten? Wieso gerade in diesem Haus? Und weshalb kommt niemand auf die Idee, mal in den Dachstuhl zu klettern, um nach den verschwundenen Studentinnen zu suchen, die dort tage- und wochenlang vor sich hinschimmeln? Wer Logik erwartet, wird von diesem atmosphärischen und amüsanten Streifen sicher enttäuscht werden. Vielmehr sind es die bemerkenwerte Kameraarbeit und Ausleuchtung, die bereits Jahre vor Halloween mittels perfidem Schattenspiel und bedrohlich wirkenden Point-of-View-Einstellungen aus der Sicht des Killers stilistische Merkmale etablierte, die sich noch Jahrzehnte später in jedem guten und weniger guten Horrorfilm wiederfinden.



Das zweite Standbein, auf dem Black Christmas sorglos ruhen kann, sind die hervorragenden Darsteller. Natürlich sind alle Klischee-Charaktere, die man in College-Komödien und Horrorstreifen von Animal House (1982) über Porky's (1978, ebenfalls unter der Regie von Bob Clark) bis Scream (1996) so anzutreffen erwartet, auch hier vertreten. Da ist der äußerst nervöse und um den Verbleib seiner Tochter besorgte Vater (James Edmond), die alkoholkranke und leicht bescheuerte Hausmama der Schwesternschaft (Marian Waldman), und der nicht allzu smarte aber knallharte Cop (John Saxon), der aus Gründen der Dramatik einer Ergreifung des Killers über weite Strecken des Films kein Stückchen näher kommt. Und vergessen wir nicht unsere Studenten: Da wäre Jess (Olivia Hussey), unsere sympathische Protagonistin, die praktischerweise mit dem psychisch labilen und damit als Mordverdächtiger agierenden Peter (Keir Dullea) liiert ist. Ihre beiden besten Freundinnen sind die lüsterne und mit ihrem Vokabular selbst dem grimmigsten Piraten Konkurrenz machende Barbie (Margot Kidder), und Phyllis (Andrea Martin), die nette, leicht furchtsame Sidekick-Brillenschlange. Alle Darsteller bieten äußerst überzeugende Leistungen. Olivia Hussey hebt sich wohltuend von den hysterischen 08/15 Scream Queens schlechterer Horrorfilme ab. B-Film-Legende John Saxon schlafwandelt zwar durch seine nicht besonders fordernde Rolle als Polizist, schlägt sich aber wacker. Insbesondere Margot Kidder, geliebt und verehrt als Lois Lane und für ihre beeindruckende Leistung in Brian De Palmas Sisters (1973), ist superb als Jess' freigeistige Freundin, als welche sie so ziemlich jedes anzügliche Wort in der englischen Sprache äußern darf und nur in einer Szene von einem in Beisein von Kindern derbe fluchenden Nikolaus an die Wand gespielt wird ("Ho Ho Ho... fuck!" - "Isn't Santa naughty?").



Black Christmas ist eine Kuriosität in der von mittelmäßigen und teils unterirdischen Komödien geprägten Karriere Bob Clarks. Mit Filmen Baby Geniuses 2 und Karate Dog (beide 2004) dürfte der nicht übermäßig talentierte Regisseur wohl auch das letzte Fünkchen Respekt unter Kritikern und Fans zum Grabe getragen haben. Nichtsdestotrotz muss man ihm zu einem Werk wie Black Christmas gratulieren. Hier schafft er es, mit einem Minimum an blutigen Effekten, Sets und Drehzeit einen athmospärisch dichten Thriller zu kreieren, der in seinem vergnüglichen Zusammenspiel von Humor und Grauen Hitchcock-Klassiker wie Psycho (1960) und Werke Mario Bavas in Erinnerung ruft, gleichzeitig aber aufgrund innovativer Kameraarbeit und gut aufgelegter Darsteller genug Neues bietet, um auch kritische Genrefans milde zu stimmen.



Bild:
Ja, Black Christmas wurde auf preiswertem 16mm geschossen. Nein, eine Restauration des Filmmaterials fand nicht statt. Ja, das Bildmaterial ist etwas verwaschen, dunkel und der Transfer leidet gelegentlich unter digitalen Artefakten. Nein, Black Christmas kann eurer Star Wars-DVD nicht den Status als Referenzdisc streitig machen. Ja, die Bildqualität ist für einen Low Budget-Films dieses Alters echt in Ordnung. Nein, der Film liegt trotz eines Formats von 1.66:1 nicht anamorph vor. Insgesamt durchaus zufriedenstellend.

Ton:
Der Ton liegt in Englisch (2.0 mono) und Deutsch (2.0 mono und DD5.1) vor. Benötigen wir Sechskanalton für einen über 30 Jahre alten Horrostreifen? Wahrscheinlich nicht. Dennoch, der Remix ist gelungen, obwohl sich Stereo- und Surround-Effekte auf ein Minimum beschränken. Der englische O-Ton klingt etwas klarer und wird hiermit den wahren Fans ans Herz gelegt. Allen Synchro-Guckern sei aber versichert, dass auch die deutsche Version den Öhrchen mundet.

Untertitel:
Untertitel stehen zur Verfügung in Deutsch.

Extras:CAPELIGHT hat für seine Veröffentlichung nicht nur den Transfer der amerikanischen Critical Mass-DVD übernommen, sondern auch einen Teil des Bonusmaterials. Verzichten müssen wir auf weitere Interviews und alternative Eröffnungssequenzen, aber das hier vorliegende Material ist auch nicht schlecht. Bob Clarks Audiokommentar klingt unaufgeregt und nostalgisch, vermittelt aber genug nützliche Infos, um den Zuhörer nicht versehentlich in den Schlaf zu wiegen. Der zweite AK mit John Saxon und Keir Dullea ist weniger gut, da er nie eine Eigendynamik entwickelt (die beiden Sprecher wurden separat aufgenommen) und kleine Brocken an interessantem Material nur sporadisch auftauchen. Die ca. 40-minütige Doku Black Christmas Revisited ist zwar bemüht charmant und interviewt viele der Darsteller, den Produzenten und Regisseur, wirkt aber etwas billig und verbringt zuviel Zeit mit der Wiederholung von Filmclips. Ach ja, Kinotrailer und Fernsehspots gibt's auch noch.

_____________
Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend (für Fans klassischer Slasher-Filme) / Gut (für den Rest der Bevölkerung)
Bild: Gut (1.66:1 widescreen)
Ton: Sehr gut (DD 5.1; 2.0 mono)
Extras: Gut (Audiokommentare von Bob Clark, John Saxon & Keir Dullea, Dokumentation , Kinotrailer und TV-Spots)

Donnerstag, 6. März 2008

Cracker [Für alle Fälle Fitz] (1993-1995) - Kurzrezension

I smoke too much, I drink too much, I gamble too much... I am too much.



Cracker ist die beste Krimiserie der 90er Jahre, ach was, die beste Serie aller Zeiten. Immens erfolgreich während ihrer Erstausstrahlung in den Jahren 1993 bis 1995 auf ITV, hat sie in ihrer britischen Heimat alle bedeutenden Fernsehpreise abgeräumt und auch in Deutschland als Für alle Fälle Fitz eine treue Anhängerschaft gefunden (trotz typisch kuscheligen ZDF-Titels und unpopulärem Sendeplatz mitten in der Nacht von Sonntag auf Montag). Was erstaunt ist die Kompromisslosigkeit, mit welcher Cracker seine Charaktere und den Norden Englands portraitiert. Manchester scheint nur so bevölkert von Psychopathen, Vergewaltigern, Serienmördern, Neonazis, Hooligans und pädophilen, religiösen Fundamentalisten. Noch schlimmer: unser Protagonist, eindrucksvoll verkörpert von Robbie Coltrane, ist ein spielsüchtiger, alkoholkranker, ketterauchender Zyniker, der mit seiner Arroganz sowohl Kollegen wie auch Familie immer wieder vor den Kopf stößt. Ach ja, außerdem ist er ein brillanter Psychologe, dessen Unterstützung sich die Polizei in Manchester bei der Suche und Vernehmung Krimineller bedient.

Der Ton in Cracker ist ruppig. Vor allem die von Jimmy McGovern verfassten Episoden (er schrieb sechs der neun Fernsehfilme) zeigen zerbrochene, vielschichtige Charaktere in einer ebenso unerbittlichen Welt. Keiner der Kriminellen ist hier nur ein eindimensionaler Schurke mit Hang zu Mord und Totschlag. Die meist durch ihren Außenseiterstatus in Gewaltakte flüchtenden Mörder und Vergewaltiger haben eine Stimme und oft auch erstaunlich einleuchtende Gründe (aus ihrer Perspektive) für ihr Tun. Dr. Edward ‚Fitz’ Fitzgerald nimmt sich Zeit, diese Motive zu durchleuchten und den Wahnsinn hinter der oft unschuldig-naiven Fassade seines Gegenübers zu durchleuchten. Das prototypische Beispiel für Fitz’ Vorgehen ist die zweieinhalbstündige Doppelfolge To Be a Somebody: Der geschiedene, in einem aussichtlosen Job steckende Liverpool-Fan Albie (Robert Carlyle) verliert seinen Vater. Wut und Trauer über seine verzweifelte Lage entladen sich im Mord an einem indischen Kioskbesitzer. Albie entdeckt das Töten als kathartische Handlung und macht sich im Neonazi-Outfit daran, andere für sein persönliches Leid und die von einige Jahre zuvor im Fußball-Stadion von Hillsborough durch Randale und Polizeibrutalität ausgelöschten Leben von 96 Footie-Fans zu bestrafen. Im Gegensatz zum Gros der Kriminaldramas werden die Beweggründe Albies ernst genommen, das menschliche Drama niemals der Krimihandlung untergeordnet.


Zwar kennen wir in den meisten Folgen von Beginn an den Täter und folgen ihm/ihr/ihnen bei der Ausübung von Mord und Totschlag, doch büßt die Serie dabei nichts von ihrer Spannung ein. Am intensivsten wird es oft genau dann, wenn der Täter bereits geschnappt wurde und Fitz sich mit Witz, Intelligenz, Bosheit und Penetranz in die Seele des Kriminellen bohrt, um diesem die wahren Motive für sein Tun zu entlocken. Diese Segmente nehmen oft ein Drittel der Gesamtlaufzeit einer Episode in Anspruch und sind der hauptsächliche Aspekt, durch den sich Cracker wohltuend vom Krimi-Einheitsbrei abhebt. In der Verquickung von privatem Drama, hochspannenden Thriller-Stories und tiefschwarzen, hochintelligenten Humor liegt der Triumph der Serie begründet. Zudem werden selbst periphere Charaktere niemals zu Stichwortgebern oder Witzfiguren degradiert (ein Negativemerkmal der ansonsten wunderbaren und Cracker beinahe ebenbürtigen HBO-Serie The Sopranos).

Es gäbe noch soviel mehr zu lobpreisen (beispielsweise die starken Frauenrollen, verkörpert von Barbara Flynn als Fitz' Gattin und Geraldine Somerville als DS "Panhandle"), aber am besten erfährt man Cracker wohl selbst. Herausragende Darsteller, starkes Drama, spannende Krimihandlungen und nicht zuletzt die vielen unerwarteten Plotwendungen machen die Serie zu einem einmaligen, die Intelligenz der Zuschauer fordernden TV-Erlebnis, das bis zum Ende der finalen Episode immer wieder überrascht.


Die drei Staffeln von Cracker - Für alle Falle Fitz sind überall im Handel auf DVD erhältlich

Montag, 18. Februar 2008

Mit dem Zweiten sieht man älter (aus), oder: Bildungsauftrag à la ZDF

Eine kleine Ergänzung zum sehr treffenden Kommentar von Jens Jessen in der ZEIT vom 14. Februar hinsichtlich des immer boulevardesker (sprich: dem Privatfernsehen immer ähnlicher) werdenden Programm von ARD und ZDF und der zunehmenden Ghettoisierung anspruchsvoller Sendungen in öffentlich-rechtlichen Spartenkanälen wie 3sat und Arte. Inwiefern unser täglich TV-Brot tatsächlich immer weniger nahrhaft (sprich: dümmer) wird oder es nicht etwa schon immer war, darüber kann man streiten. Mal ehrlich, ist die einst biedere Unterhaltung à la Am laufenden Band oder Was bin ich? den lauten Trash-Formaten wie Schlag den Raab und Deutschland sucht den Superstar wirklich überlegen oder einfach nur eine andere Form des gleichen Übels, die wir heute retrospektiv als Unterhaltungsprodukte der guten alten Zeit nostalgisch verklären? Natürlich nicht, doch erfreut sich der Themenkomplex "Früher war alles besser" seit Jahrzehnten ungebrochener Popularität, auch schön zu erkennen an der glücklicherwese langsam abebbenden "Ostalgie"-Welle, aktuellen Debatten um fette Kinder (slim is the new fat!) und der derzeitige Besessenheit junger Hollywoodfilmer mit Stilmitteln des 80er-Jahre-Kinos.

Was Herr Jessen in seinem klugen ZEIT-Beitrag aber tatsächlich vergessen hat, ist, dass nicht nur Menschen mit einem IQ über Raumtemperaturniveau unbeschadet die großen öffentlich-rechtlichen Kanäle gucken möchten, sondern auch wir "jungen Hüpfer" unter 60. Vor allem das ZDF macht sich einer Programmplanung schuldig, die für ein ansatzweise gebildetes Publikum unterhalb des Rentenalters kaum zu konsumieren ist. Reihen wie Das kleine Fernsehspiel und das bereits wohlwollend von mir kritisierte Talkformat Roche+Scobel sind wochentags erst nach Mitternacht aufzufinden und/oder werden nicht konsequent fortgesetzt.


(AP Photo/Tiergarten Nürnberg, Ralf Schedlbauer)
Was uns bleibt, ist ein Start in den Tag mit dem biederen Fernsehfrühstück Volle Kanne, randvoll gepackt mit Verbrauchertipps für Hunde-, Blumenliebhaber und geriatrisch Erkrankte. Danach grüßt die ach-sooooo-niedliche "Flocke" aus dem Nürnberger Zoo und strahlen uns die Botoxbacken einer Daily Soap aus dem TV-Kasten an, bevor es dann mit der 173ten Kochshow nach VOX- und Jamie Oliver-Muster weitergeht. Ach ja, zur Mittagszeit gibt's außerdem ein weiteres Mal Volle Kanne, nennt sich aber nun Drehscheibe Deutschland und hat einen anderen Moderator. Nachmittags wiederholt sich das Spiel mit Tiersendungen und täglichen Schmonzetten, doch -welch Freude!- diesmal brandaktuell und nicht etwa in der Wiederholung wie zuvor. Es folgen anrührende Schicksale kleiner Nilpferdbabys und Dramen um eingerissene Fingernägel von C-Promis bei Charityveranstaltungen im hippen Boulevardmagazin Leute heute. Über die Zeit bis zum Beginn von heute, die mittlerweile mehr Werbeplattform für im Programm nachfolgende ZDF-Formate wie WiSo und 37Grad ist denn seriöse Nachrichtensendung, retten uns die gestandenen Recken der SoKo Leipzig, SoKo Rhein-Main, SoKo Kitzbühel, SoKo Wismar oder SoKo Kleinhinterspiekendorf. Je nach Stimmung und Wochentag gönnt man dem gebeutelten GEZ-Zahler dann abends entweder Carmen Nebel, eine unglaublich bewegende Pilcher- oder Lindström-Verfilmung, das Forsthaus-Falkenau, unseren Charlie oder ein anderes süüüüüüüßes Tier aus dem ZDF-Fundus, die im Urlaub von ihrem Kurschatten geneppte Omi in Aktenzeichen XY ...ungelöst oder aber hochseriöses Infotainment aus den Händen von Guido Knopp (Hitlers vegetarische Lieblingsrezepte) oder Theo Koll (Klassisches Frontal21-Thema: "Warum Sie als Mensch über 50 am besten gar nicht mehr Ihr Haus verlassen sollten... den die Welt da draußen ist B-Ö-S-E!"). Ins Bettlein bringt uns dann JBK, der, wenn er denn gerade nicht mit den Charmegranaten Sarah Wiener oder Johann Lafer kocht, bestimmt gerade mal wieder unglaublich fesselnde Stories aus Dieter Bohlen, Verona Poth oder Sky Dumont herausquetscht.

Liebe ZDF-Programmplaner, macht weiter so... ich bin sicher, Millionen volkstümelnder aber ansonsten soziophober Senioren danken euch für diese wöchentlich 168 Stunden leicht verdaulicher TV-Monotonie. Aber bitte, lieber Markus Schächter, klicken Sie doch bitte mal auf den Link am Fußende dieser Seite und schicken mir eine eMail, denn ich würde Ihnen gerne meine Bankverbindung mitteilen, wohin Sie die von mir in den letzten zehn Jahren gezahlten Rundfunkgebühren überweisen können. Vielen Dank.

Freitag, 28. Dezember 2007

Freaks - Missgestaltete (USA 1932) - Review [R2]

Mit Olga Baclanova, Wallace Ford, Leila Hyams u.a.
Kamera: Merritt B. Gerstad
Buch: Willis Goldbeck und Leon Gordon, nach Tod Robbins’ Kurzgeschichte Spurs
Regie und Produktion: Tod Browning




Freaks beunruhigt in seiner authentischen Darstellung des Alltags in einem fahrenden Kuriositätenkabinett bzw. Wanderzirkus noch heute. Kaum vorzustellen kann man sich, was für ein Aufschrei durch die Reihen der Zuschauer und Kritiker ging, als Tod Brownings Film 1932 erstmals veröffentlicht wurde. War es vor über 70 Jahren Ekel und Abscheu, die in weniger politisch korrekten und von größerem Unwissen über soziale Randgruppen geprägten Zeiten ein großes Kinopublikum fernhielten, so ist es heute die ungeschminkte Fremdartigkeit und Frivolität, die das Werk wohl für immer zu einem dunklen, staubigen Platz in der Videothek Ihres Vertrauens verdammt. Wie viel schockierender und vielschichtiger Freaks in seiner 90-minütigen Originalfassung war, darüber können wir heute nur noch spekulieren. Was uns bleibt ist der einstündige Blick in eine fremde und doch so nahe Welt durch die Augen eines der begnadetsten Regisseure der Stummfilmära.

Nur der außergewöhnliche Erfolg von Universals Dracula (1931) mit Bela Lugosi und sein damit kurzzeitiger Status als Golden Boy des Horrorfilms machte es Browning möglich, seine Freakshow so kompromisslos in Szene zu setzen, dass sie selbst nach rigorosen Kürzungen durch M-G-M und dem nachträglich hinzugefügten, bemüht versöhnlichen Happy End, immer noch so verstörend wirkt. Der Effekt beruht vor allem auf dem beinahe dokumentarischen Charakter der ersten Hälfte des Films, in der uns eine Unzahl an menschlichen Kuriositäten vorgestellt werden, teils sensibel porträtiert und zuweilen nur auf Running Gags auf zwei (oder gar keinen) Beinen reduziert. Da gibt es Stecknadelkopf Schlitzi, den lebenden Torso Prinz Randian, die Vogelfrau Koo Koo, das wandelnde Skelett, Kleinwüchsige, eine bärtige Dame, siamesische Zwillinge und diverse Protagonisten, die an akutem Gliedmaßenmangel leiden. Browning setzt sie alle ins Rampenlicht, manche in anrührenden Momenten – wie beispielsweise Schlitzis Zusammentreffen mit Zirkusclown Phroso (Wallace Ford), der sie (bzw. ihn, denn Schlitzi ist im wahren Leben ein Mann) mit Komplimenten über ihr neues Kleid überhäuft – oder auch nur als pointierter Scherz am Rande, wie z.B. eine kurze Szene, in welcher der bärtigen Dame kurz nach der Geburt ihrer Tochter zu deren ausgeprägter Gesichtsbehaarung gratuliert wird. D’oh!


Der für einen Großteil der Laufzeit des Films in den Hintergrund gerückte Plot des Films dreht sich um den kleinwüchsigen Hans (Harry Earles) und dessen Liebe für die hochgewachsene Schönheit Cleopatra (Olga Baclanova), die sich zunächst nur über die Avancen ihres Verehrers lustig macht und ihn nach Erkenntnis seines einer Erbschaft entstammenden Reichtums um selbigen bringen will. Dazu schmiedet sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber Roscoe (Roscoe Ates) den Plan, den kleinen Mann zu ehelichen und ihn kurz darauf mittels Gift zu ermorden, sein Vermögen abzusahnen und dem Zirkusleben damit endgültig Lebewohl zu sagen. Wie für einen Horrorfilm angemessen zieht sie diesen Plan natürlich nicht kühl-kalkuliert durch sondern legt sich immer wieder mit ihren missgestalteten Kollegen („Dirty, slimy… Freaks!“) an und trägt ihre maliziösen Motive wenig verborgen zur Schau. Als auch der Letzte aus der Gruppe der "Freaks" ihre wahren Absichten durchschaut hat, nehmen die Deformierten grausame Rache.

Weniger als der für das Horrorgenre eher typische Plot ist die Machart des Films. Der Verzicht auf gruselig-monströses Makeup und Hollywoodstars zugunsten eines pseudo-realistischen Dokumentationsstils bietet einen ungeschönten Einblick in den realen Alltag von Randexistenzen unserer Gesellschaft, die sich trotz oder gerade aufgrund körperlicher Behinderungen in ihrem Alltag behaupten können und in ihrer eigenen kleinen Welt des Browning’schen Zirkus menschlicher handeln als ihre makellosen Zeitgenossen. Egal ob im Alltagsleben oder während des expressionistisch inszenierten Heiratsbanketts, es sind immer die augenscheinlich normalen Menschen, die sich als die wahren Monster in Brownings düsterer Fabel entpuppen. Cleo und Roscoe flüchten sich in überbordende Gehässigkeit und theatralische Gesten während ihre missgestalteten Mitmenschen in ihrem Handeln ungekünstelt und damit verletzlich erscheinen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das authentische Spiel der „Freaks“, die überwiegend Amateure sind und weniger eine Rolle spielen als vielmehr sich selbst. Schauspielprofis wie das reizende Zwillingspaar Daisy und Violet und der beinlose Johnny Eck sind die Ausnahme in einem Ensemble, in dem viele Darbietungen erstaunlich authentisch wirken. Insbesondere die Gruppe der an Mikrocephalie leidenden Pinheads um Schlitzi ist immer wieder erstaunlich in ihrer Zurschaustellung von offensichtlich realer Angst, Freude und Wut.


Dass Browning das Zirkusleben teils schamlos exhibitionistisch porträtiert und sich einer trügerisch dokumentarischen Erzählweise bedient ist moralisch sicherlich fragwürdig, damals wie heute. Ähnlich fragwürdig ist auch der Entschluss der M-G-M-Studiobosse, dem bitterbösen Ende des Films einen Epilog zu verpassen, der die Rachehandlungen der Missgestalteten indirekt verurteilt. Puristen dürfen ohne Gewissensbisse die letzten zwei Minuten des Films übersehen, da sie lediglich den verzweifelten Versuch damaliger Sittenwächter und um Einspielergebnisse besorgter Produzenten widerspiegeln, aus einem erschreckend perfiden, nihilistischen Genrefilm ein glatt gebügeltes Stück Kommerzkino zu kreieren. Der Versuch misslang, das finanziell desaströse Abschneiden an den Kinokassen bereitete Brownings Karrierehoch ein abruptes Ende, und Freaks genießt auch heute noch in vielen Kreisen den Ruf eines verruchten, ethisch fragwürdigen Films. Nicht immer ein Sehgenuss, aber ein wichtiges Stück Hollywoodgeschichte, das in keiner gut sortierten Filmbibliothek fehlen sollte.

P.S.: Anscheinend bestehen bis zum heutigen Tag Bedenken über die filmhistorische Relevanz dieses Werks. Anders lässt sich die Umtaufe von Freaks in das politisch korrekte Missgestaltete im Rahmen der deutschen Veröffentlichung kaum erklären.


Bild:
Warner präsentiert Freaks in bestmöglicher Bildqualität. Abgesehen von kleinen Verunreinigungen und einigen Bildsprüngen ist der Transfer hervorragend. Der unnötige Epilog mit Hans und Frieda leidet unter zu hohem Kontrast und Unschärfe, ist aber die einzige Schwachstelle eines ansonsten visuell vorbildlich präsentierten Films.

Ton:Die einzige Tonspur ist der englischsprachige Originalsoundtrack in mono. Die Tonqualität ist überwiegend in Ordnung, klingt aber altersgemäß recht blechern und damit gelegentlich unverständlich. Der Griff zur Fernbedienung zwecks Aktivierung der Untertitel wird wohl kaum jemandem erspart bleiben.

Untertitel:
Untertitel stehen zur Verfügung in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Türkisch, Griechisch, Portugiesisch, Tschechisch, Ungarisch, Holländisch, Arabisch und Bulgarisch. Alle Extras (mit Ausnahme des Audiokommentars) sind ebenfalls untertitelt.

Extras:Der nach Einführung des Production Codes im Jahre 1934 kreierte, moralinsaure Prolog des Films, der uns vor den Abnormitäten des Films warnen soll, ist ein interessantes Stück Zeitgeschichte. Gleiches gilt für die drei alternativen Schlusssequenzen, die von David Skal kommentiert werden. Der Filmhistoriker, dessen Tod Browning-Biographie Pflichtlektüre für alle Fans des klassischen Horrorfilms sein sollte, dominiert auch die knapp 70-minütige Doku The Sideshow Cinema, die außer der Produktionsgeschichte des Films kurze Biographien aller Hauptdarsteller und "Freaks" bietet. Sehr interessant, aber leider etwas langatmig und mit grauenhafter Zirkusmusik unterlegt. Der Audiokommentar Skals vermittelt beinahe identische Informationen zu Dreh und Darstellern ohne nervtötendes Endlosgedudel und ist daher eine gute Alternative zur Dokumentation.

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Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend
Bild: Hervorragend (1.37:1 Full Screen)
Ton: gut (mono 1.0)
Extras: gut (Audiokommentar von David Skal, Dokumentation, Prolog, Epilog [mit Kommentar])

Freitag, 15. Juni 2007

Bin ich bereits zu alt fürs hippe ZDF? Einige kritische Worte zu ROCHE+SCOBEL

Gestern nacht feierte im ZDF eine neue Talkshow Premiere: Roche+Scobel (oder war es Roche & Scobel, oder gar Roche und Scobel?). Dass nun das von Carmen Nebel, JBK, den gar Lustigen Musikanten und Unser Charlie geprägte Programm des Zweiten Deutschen Geriatrischen Fernsehens um ein neues Format wie eine auf jungen Menschen zwischen 14 und 30 (+/-5 Jahre) zugeschnittene Talkrunde ergänzt wird, ist ja prinzipiell ein begrüßenswerter Schritt. Immerhin zahlt auch dessen weniger als 60 Jahre alte Klientel (meist) brav die GEZ-Gebühren. Übersehen wir daher nun mal in ach-so-dankbarer Laune, dass man Roche+Scobel ins tiefste Nachtprogramm beförderte und stellen uns die Frage, inwieweit man das Debüt der Sendung als gelungen bezeichnen kann.


Zunächst das Positive: Die Kombi Roche/Scobel klingt zunächst auf dem Papier sehr gut. Das dynamische Duo aus der ehemaligen VIVA2-Moderatorin und Kulturzeit-Koryphäe Scobel spricht gleichermaßen Teens und hippe Berufsjugendliche wie auch intellektuell verbrämte Twens an. Umgeben von einem seltsam steif wirkenden Publikum diskutierte man das Thema "Wie viel Rausch darf sein?". Prominente und weniger prominente Kiffer und Ex-Kiffer wie Ferris MC, Mitglieder der Band Virgina Jetzt! und ein paar Jungs und Mädels von der Kifferwiese kamen ebenso zu Wort wie selbsternannte Aufklärer und Experten aus akademischen Kreisen. Klingt soweit gut, oder? Alle Voraussetzungen für eine unterhaltsame und informative Sendung waren gegeben. Leider wußte man diese nicht kaum zu nutzen.

Zunächst einmal fiel auf, dass das Morderatoren-Duo seltsam unentspannt wirkte (ähnlich wie das Publikum, das sich vielleicht bereits als mögliches Ziel einer Live-Drogenrazzia während der laufenden Sendung wähnte). Die einstudierte Anmoderation wirkte holprig, ein Teleprompter wurde von Roche und Scobel offensichtlich vermisst. Verbale Schlagabtäusche der beiden waren offensichtlich im Vorfeld der Sendung geplant geplant worden, konnten aber selten umgesetzt werden. Viel häufiger konnte man aus der Mimik der Gastgeber die Frage "Bin ich jetzt eigentlich dran... oder wie?" herauslesen. Anflüge von Spontaneität waren eher rar, und falls sie sich doch mal in die Sendung schlichen, so sorgten sie eher für peinliche Momente. Charlotte Roches Frage an einen jungen Mann im Studio, ob denn sexuelle Enthaltsamkeit zu seinem Lebenskonzept gehöre (nachdem sie ihn zuvor als Shaolin-Mönch in spe identifiziert hatte), wurde mit einem zähneknirschenden "Öh, nö, hat sich bisher einfach nix ergeben" seinerseits beantwortet. Ferris verweigerte sich fast allen Fragen zu seiner Drogenkarriere. Und Videobotschaften der Zuschauer per WebCam erreichten das Studio/Café in dermaßen horrender Bild- und Tonqualität, dass man über den Inhalt der von ihnen gestellten Fragen oftmals nur mutmaßen konnte. Au weia!




Neben banaler Fragestellungen und ungelenker Moderation war es aber das Thema selbst, welches der Sendung den Todesstoss versetzte. Denn kaum einer der Gäste im Studio (mit Ausnahme der Berufskiffer von der Wiese) wagte es, einen gelegentlichen oder gar regelmäßigen Drogenkonsum einzugestehen. Denn könnte nicht gerade ein übelgelaunter Polizeibeamter vor dem Fernseher sitzen oder der übereifrige Staatsanwalt die Sendung im Livestream verfolgt haben? Einzig geläuterte Ex-Abhängige wie beispielsweise Armon Barth erzählten während der ersten 90 Minuten der Sendung von ihren Erfahrungen. Fast könne man meinen, die gesamte Hundertschaft der grün- und rothaarigen, x-fach gepierceten Pseudo-Punks würde selbst einem Schlückchen Bier mit größtmöglicher Kritik begegnen. So wartete man dann auch spätestens nach dem 154ten "Ich bin jetzt clean" und "Das Kiffen zieht dich doch voll runter, ey" auf eine mutige Aussage, die Probleme und Vorzüge des kontrollierten Rauschs konkret benennt. Und plötzlich, kurz vor Schluss der Sendung in den frühen Morgenstunden, erschien ein gar lustiges Grüppchen namens Drugscouts, die sich für Vor-Ort-Tests harter und softer Rauschmittel in Diskotheken stark machen. So endete die Show dann überraschenderweise mit deren Aussage, man könne sich ruhig gelegentlich so einiges an Chemie einschmeißen, solange die Reinheit des konsumierten Stoffes zuvor geprüft wurde.
Wie meinen? Und so was im Opa- und Omasender ZDF... ich bin schockiert *kopfschüttel*
Um mit ein paar versöhnlichen Worten zu schließen: auch wenn das Konzept von Roche+Scobel noch einiger Nachbesserung bedarf, ist doch das ZDF auf dem richtigen Weg damit, neben dem kleinen Fernsehspiel eine weitere Sendung Sendung in ihrem Nachtprogramm zu etablieren, die man sich auch als unter-Fünfzigjähriger ohne Schamesröte im Gesicht ansehen kann. Gerade von Gerd Scobel, dem für Kulturzeit und delta mit Grimme-Preis geadeltem Anchorman von 3sat, erwarte ich noch so einiges. Selbst spätere Kultformate wie die Harald Schmidt Show bei Sat1 und der Polittalk Hart aber fair legten bekannterweise einen holprigen Start aufs Parkett. So heißt es denn abwarten und Däumchen drücken für die neue Talkshow, der ein wenig Zeit und Reife sicherlich zu Größerem verhelfen wird. Und denkt immer dran, Charlotte und Gerd: die Aufzeichnung eurer Sendung läuft weit nach Mitternacht, also zu einer Zeit, zu der die gesamte Geschätsführung des ZDF schon lange die dritten Zähne zur Seite und sich selbst ins gemütliche Bettchen gelegt hat. Nur übermüdete Teens und Twens sehen noch zu. Nutzt eure Narrenfreiheit!

Montag, 4. Juni 2007

Not Just the Best of The Larry Sanders Show (USA 1992-1998) - Review [R1]

Eine in unseren Landen fast unbekannte US-Comedyserie zu rezensieren, kann ganz schön schwierig werden. Immerhin dürften nur die wenigsten teutonischen TV-Konsumenten mit Garry Shandlings Kult-Sitcom The Larry Sanders Show (1992-1998) vertraut sein. Ende der 90er, nachdem RTL sein Kontingent alter Cheers- und Eine schrecklich nette Familie-Episoden aufgebraucht hatte, versteckte man die Serie im tiefsten Nachtprogramm, damit auch ja nicht allzu viele potentielle Zuschauer überhaupt deren Existenz bewusst werden konnten (ein Schicksal, das die Larry Sanders Show hierzulande mit Für alle Fälle Fitz und den Sopranos teilte). Meine Erinnerungen an Larry, Artie, Hank und Co. waren seitdem schon fast verblasst, zumal ich damals, umständehalber (a.k.a. Zivildienstzeit a.k.a. Zeit des Vollrausches), fast alle bei RTL gezeigten Folgen unter erheblichem Alkoholeinfluss in Anwesenheit meines gelegentlich enervierenden Kumpels Schildi (Name geändert) konsumiert hatte. Hält die Serie also auch meinem heutigen, nüchtern-kritischem Auge noch Stand, oder handelt es sich um den üblichen Comedy-Dreck, den ein Jahrzehnt voll trügerischer Nostalgie hat zu Gold werden lassen?


The Larry Sanders Show erzählt vom Alltag hinter den Kulissen einer täglichen LateNight-Talkshow. Larry (Garry Shandling), sein Sidekick Hank (Jeffrey Tambor) und Manager Artie (Rip Torn) geben in dieser von sexuell frustrierten Gagschreibern, zynischen Sekretärinnen und neurotischen Talkgästen den Ton an. Larry vereint all diese Charaktereigenschaften in sich: beziehungsunfähig, ständig frustriert, unsensibel gegenüber seine Angestellten und doch zutiefst verletzlich schlägt er sich durch seinen Job. Einzig sein Mann fürs Grobe Artie hilft ihm, so manchen Tag ohne den Griff zur Flasche oder ein paar bunten Pillen durchzustehen. Vielleicht ist es aber auch die Gewissheit, dass es seinem Freund und Kollegen Hank, dessen gekränktes Ego und Unsicherheit sich regelmäßig in cholerischen Anfällen entlädt, viel schlechter geht als ihm. Und: Larry ist berühmt, beliebt, wird von Frauen begehrt, von seinen Angestellten angehimmelt und hat (fast) alles unter Kontrolle… oder zumindest glaubt er das... hofft er das... zeitweise.


Shandling wird in seinen Eskapaden von einem wunderbaren Ensemble getragen. Neben dem wunderbar stoisch agierenden Torn und einem zwischen Selbstmitleid und Größenwahn wandelnden Tambor sorgen Penny Johnson (die böse, böse First Lady aus der TV-Serie "24"), Komikerin Janeane Garofalo ("The West Wing"), Mary Lynn Rajskub ("24") und The Daily Show-Gastgeber Jon Stewart in Gast- oder Nebenrollen für Lacher. Neben dem Auftreten vieler Stars aus dem Showbusiness (u.a. David Letterman, Robin Williams, David Duchovny, Roseanne Barr-Arnold-Whatever, Jim Carrey, Sharon Stone, Sean Penn, Elvis Costello, um nur einige derer zu nennen, die in den sechs Jahren der Show Bastard-Versionen ihrer selbst spielten) ist es vor allem die Inszenierung der Serie, welche die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen lässt. Während die Talkshow-Segmente auf Video aufgenommen wurden, bediente man sich für die normalen Spielszenen mehrer parallel auf grobkörnigem 16mm filmender Handkameras. Gepaart mit den intelligenten, schwarzhumorigen Skripts, einem gehörigen Schuss Improvisationstalent aller Beteiligten und der für den US-Kabelsender HBO typischen Redefreiheit ("Fuck you, Larry!") wurde dieser Drehstil stilprägend für Comedyshows jüngerer Zeit wie The Office, Extras [Review] und Curb Your Enthusiasm, die sich allesamt nicht vor ihrem großen Vorbild verstecken müssen.




Sony Home Entertainment veröffentlichte im April 2007, AFAIK nach jahrelangem Streit mit Rechteinhaber Brad Grey, 23 von Garry Shandling höchstpersönlich ausgewählte Episoden der Kultserie als 4-DVD-Set. Not Just the Best of The Larry Sanders Show macht seinem Namen alle Ehre: viele der enthaltenen Epsioden gehören zu den absoluten Highlights der Serie und bilden einen repräsentativen Querschnitt der wahnwitzigen Problemsituationen, in welche Larry Sanders in den sechs Jahren der Show, oftmals selbst verschuldet, geriet. Bild- und Tonqualität gehen für eine auf Video und preiswertem Filmmaterial gedrehte US-Show aus den 90ern völlig in Ordnung, allein über englische Untertitel hätte man sich noch gefreut. Das von Shandling produzierte Bonusmaterial gehört mit zum Feinsten, was sich jemals auf ein digitales Silberscheibchen verirrt hat. Neben informativen Audiokommentaren, Deleted Scenes und Interviews findet sich eine ca. 80-minütige Dokumentation über die Entstehungsgeschichte der Show. Sehr informativ und witzig, doch das Beste an diesem gar wunnebaren DVD-Set sind die Hausbesuche Shandlings bei Gaststars der Show: wir sehen ihn beim Frühstück mit Sharon Stone, im Boxring gegen Alec Baldwin, im Central Park mit Jerry Seinfeld, und beim Philosophieren mit Tom Petty. Letzteres Zusammentreffen, wie auch seine tränenreiche Begegnung mit Ex-Verlobter Linda Doucett (spielte Hanks Assistentin Darlene), ist nicht nur kurzweilig sondern ebenso hochemotional und lässt vermuten, dass die Produktion der DVD nicht nur eine Herzensangelegenheit für Shandling war sondern gleichermaßen auch Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und Selbsttherapie. Einer Antwort auf die Frage, inwiefern Garry seinem alter Ego Larry ähnelt und umgekehrt, ist man jedenfalls nach Sichtung von Not Just the Best of The Larry Sanders Show ein gutes Stück näher gekommen. Allein hierfür sollte jeder Fan und aufgeschlossene Nicht-Fan seine Kreditkarte zücken und sich diese einmalige TV-Show einverleiben.

Donnerstag, 15. Dezember 2005

Weihnachten naht... und Peter Jacksons King Kong (2005) rettet meinen Glauben an den Hollywood-Blockbuster

Ich sitze gerade an den letzten Zeilen meines Reviews zur neuen R1 Special Edition von King Kong (1933). Der gestrige Kinobesuch von Peter Jacksons Remake gab mir dann doch genug Antrieb, auch meinen Senf zum vielgeliebten und -rezensierten Original zu geben. Morgen oder Samstag dürfte mein kritischer Erguß dann auf diesen Seiten zu finden sein.



Jacksons Kong fällt es erwartungsgemäß sehr schwer, mit Coopers und Schoedsacks Original zu konkurrieren. Im heutigen Zeitalter von CGI ist eben visuell fast alles möglich und unsere verwöhnten Äuglein so mittlerweile an spektakuläre Bilder gewöhnt. Glücklicherweise beherrscht der vom Hobbit zum kraushaarigen Ringo Starr-Verschnitt abgespeckte Regisseur die Kunst des Spezialeffektkinos meisterhaft. Der neue Kong ist seine bisher rundeste Kreation, sogar noch ein bisschen überzeugender als der schon nahezu perfekt umgesetzte Gollum im zweiten und dritten Teil der Herr der Ringe-Trilogie (2001-2003). Das Gerangel des Riesenaffen mit einem T-Rex-Trio(!!!) wirkt ebenso realistisch und mitreißend wie die subtileren Momente zwischen Naomi Watts und Kongs finaler Exitus auf der Spitze des Empire State Buildungs. Dass Jacksons WETA-Team mit Hilfe von Kollege Computer und ausgefeilten Miniaturen einen überzeugenden Dschungel samt Urzeitviechern aus dem Boden stampfen könnte, daran hatte ich nach deren Ausflug nach Mittelerde keine Zweifel. Das wahre Meisterstück jedoch ist die Rekonstruktion des New Yorks der 30er Jahre, ein photorealistisch und im Wechsel liebevoll und dramatisch von digitalen Kameras umkreistes Gesamtkunstwerk. Bravo!


Dass das Drehbuch weniger ausgereift ist als man es von Regisseur gewohnt ist, ist dank atemberaubender Nonstop-Action und ausgezeichneter Darsteller zu verkraften. Natürlich dürfen einige klassische One-liner nicht fehlen ("It was beauty that killed the beast"), doch das Gros der Dialoge basiert auf Philippa Boyens', Fran Walshs und Jacksons eigenem Drehbuch nach der 33er Vorlage von Cooper und Edgar Wallace. Watts, Jack Black, old Newcomer Jamie Bell (Billy Elliot) und natürlich Andy Serkis schlagen sich hervorragend, nur Adrien Brody wirkt als triefäugiger Actionheld deplaziert. Zwar verstehe ich die Motive des Autorenteams, Jack Driscoll vom raubeinigen Captain zum sensiblen Autoren zu updaten (Immerhin haben wir 2005 und vor Machismo triefende Actionhelden sind schon lange out!), doch führt dies zu mehr als unglaubwürdigen Momenten, wenn unser netter Geek zur Halbzeit des Films in einen athletischen Kämpfer und schlußendlich strahlenden Helden mutiert. Ein Wandel, der in Cronenbergs Die Fliege (1986) gerechtfertig war, hier aber bei mir nur Stirnrunzeln auslöste.

Nichtsdestotrotz: Die Neuauflage King Kongs ist der beste Hollywood-Blockbuster dieses Jahres. Der unanfechtbare Beweis, dass man auch im Zeitalter Michael Bays, Rob Cohens und Jerry Bruckheimers noch spektakuläre Geschichten erzählen kann, ohne Plot und Charaktere dem lauten Getöse zum Fraß vorzuwerfen. Und das ist schon mal so einiges wert!


P.S.:
Fans des Originals dürfen sich auf ein Vielzahl von Anspielungen auf Coopers und Schoedsacks King Kong freuen. Und wer wissen will, was aus dem "Sumatran Rat Monkey" aus Jacksons Braindead (1992) geworden ist, der sollte ebenfalls die Augen offen halten.

Freitag, 11. November 2005

"Extras" - Series 1 (GB 2005) - Short Review [R2]

Extras markiert die Rückkehr von Ricky Gervais und Stephen Merchant in die heimischen Gefilde der BBC. Nach ihrem unglaublichen Erfolg mit The Office (2001-2003) nutzte Gervais die Zeit für einen kurzen Abstecher in die Standup-Comedy bevor er sich mit seinem Kreativpartner darüber Gedanken machte, wie man den hohen Erwartungen der Zuschauer an ihn und Merchant wohl gerecht werden könnte. Das Ergebnis ist Extras, eine bisher sechs-teilige Serie über den Alltag zweier Filmkomparsen namens Andy (Gervais) und Maggie (Ashely Jensen). Gervais spielt eine nettere, wenn auch nicht zwangsläufig intelligentere Version seines Office-Charakters David Brent. Maggie ist die recht dümmliche aber liebenswürdige Busenfreundin Andys, die sich entgegen jeder Vernunft immer wieder an ihren unwesentlich smarteren Kollegen für Hilfe in Liebesdingen und Political Correctness wendet.




Die Serie bezieht, ähnlich wie The Office, einen großen Teil ihres Humors aus peinlichen Situationen, in welche unsere Hauptdarsteller immer wieder unfreiwillig geraten. So endet der Atheist Andy beispielsweise im Disco-Outfit in einer Gebetsgruppe und Maggie kann sich selbst im Beisein afrikastämmiger Kollegen den ein oder anderen ungewollt rassistischen Kommentar nicht verkneifen. Die prominenten Gaststars wie Samuel L. Jackson, Ben Stiller, Kate Winslet und Patrick Stewart spielen allesamt sich selbst, treten aber meist nur als Nebencharaktere in Erscheinung. Als genialer Schachzug Gervais' und Merchants erweist es sich, die Prominenten in entlarvender und hochnotpeinlicher Weise zu porträtieren. Wenn sich Patrick Stewart als lahme Star Trek-Kalauer erzählender Lustgreis entpuppt und sich Kate Winslet als schweinische Sextipps zum Besten gebende ("Stuck your Willy Wonka between my Oompa-Loompas!") Egomanin entpuppt, dürften selbst große Fans dieser Schauspieler Zweifel an deren Talent und Klasse entwickeln. Wie gesagt liegt jedoch das Hauptaugenmerk der Serie auf Andy und Maggie. Allein Les Dennis, ein in die Liga der C-Prominenz abgestiegener Komiker, stiehlt unseren beiden Protagonisten mit seiner absolut herzzerreissenden, zum Brüllen komischen Performance kurzzeitig die Schau.




Stilistisch ist Extras meilenweit von The Office entfernt. Statische Kameraeinstellungen und Dolly-Shots ersetzen hier die Handkamera, was der Serie etwas von ihrem dokumentarischen Charakter nimmt. Kurze, sorgsam inszenierte Szenen aus den fiktiven Filmprojekten der Berühmtheiten sehen wir in Scope, während der Rest der Handlung im TV-freundlichen Bildformat stattfindet. Warum man sich für einen derart geschliffenen Stil entschieden hat, steht zur Diskussion offen. Vielleicht wollten sich Gervais und Merchant aber nicht nur inhaltlich sondern auch visuell weitestmöglich von ihrem Erstlingswerk distanzieren... und dies ist ihnen gelungen. Extras ist die mit Abstand beste britische Comedy-Serie seit langem und kann sich mühelos mit US-Formaten wie Larry Davids Curb Your Enthusiasm und Arrested Development messen.


Die kürzlich in GB erschienene Doppel-DVD enthält alle sechs Episoden der ersten Staffel in sehr guter Bild- (16:9) und Tonqualität (stereo). Das Bonusmaterial ist mindestens so komisch wie die Serie selbst und zeigt neben einer witzigen Making of-Doku auch hysterische Outtakes, Deleted Scene und ein 10-minütiges Feature über Ricky Gervais' Vergnügnen daran, seinen Cutter mit Hilfe von Klebeband und Haushaltsutensilien zu verunstalten. Brillant!

Update: Jetzt auch auf DEUTSCH (bah!): Extras - Die komplette erste Staffel

Donnerstag, 3. November 2005

Singin' in the Rain (USA 1952) - Review [R2]

Mit Gene Kelly, Debbie Reynolds, Donald O’Connor, Jean Hagen und Cyd Charisse
Musik: Arthur Freed (Texte) & Nacio Herb Brown (Orchestrierung)
Buch: Adolph Green & Betty Comden
Produktion: Arthur Freed
Regie: Stanley Donen und Gene Kelly


Warum nicht auch mal auf einen älteren Titel aus meiner DVD-Bibliothek hinweisen? Um’s kurz zu machen: Singin' in the Rain, in Deutschland auch bekannt als Du sollst mein Glücksstern sein, ist das wohl beste MGM-Musical aller Zeiten. Die drei Hauptdarsteller leisten geradezu Außerordentliches und die Musik- und Tanzeinlagen sind ausnahmslos perfekt geschrieben und inszeniert. Dies alles wird auf Warners 2002 erschienener Doppel-DVD präsentiert in perfekt restaurierten Technicolor-Farben, kristallklarem Sound und inklusive einer Auswahl exzellenten Bonusmaterials. Meine Empfehlung: Kaufen!

Ende der Rezension.



„Aber Musicals sind Kinderkram!“

Wenn du Gene Kelly auch nur einmal dabei betrachten durftest, wie er sich leidenschaftlich an die katzengleiche Cyd Charisse heranschmiegt und beide in der wohl spektakulärsten Musicalnummer des Films ein erotisches Feuerwerk entfachen (Ja, richtig gehört: e-ro-tisch), wird Singin' in the Rain sogleich den Platz deiner Emanuelle in Bangkok-DVD im Wandregal einnehmen.

Solltest du dich aber eher von einem mädchenhaften Charme begeistern lassen, so vergiss einfach das Männer verschlingende Raubtier Charisse und wende dein Augenmerk Debbie Reynolds zu. Dieses schelmische Leuchten in den Augen. Diese Leichtfüßigkeit. Diese zerbrechliche Schönheit. Hey, nicht umsonst sind dieser Frau Gene Kelly (beruflich) und Tony Curtis (im Privaten) erlegen.

Und noch etwas zum Thema „Kinderkram“: Singin' in the Rain ist in seiner Darstellung Hollywoods der 20er Jahre ausgesprochen detailliert und pointiert. Zwar ist der Film auch als leichte Komödienkost zu genießen, doch bieten sich für den Cineasten zahlreiche Gelegenheiten, Insiderwitze über hilflose Schauspieler, cholerische Regisseure und Produzenten, und die Oberflächlichkeit der Klatschpresse ausfindig zu machen. Darüber hinaus bietet die Tatsache, dass die Handlung in der Zeit des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm angesiedelt ist, die Möglichkeit, so einiges über den Aufruhr und die resultierenden Problematiken zu lernen, die der Einmarsch des Jazz Singers im Hollywood des Jahres 1927 verursachte.



„Pffffft… Ich bin nicht überzeugt. Bin doch kein Cineast (igitt!) oder so was. Und diese ach-so-subtile Erotik ist doch eher was für Mädels.“

Hast du dich jemals gefragt, warum der DTS-Sound der neuesten Herr der Ringe-Box deine Angebetete kalt lässt? Oder hat sich jemals das Objekt deiner Begierde vom perfekten Digitaltransfer von Rache der Sith beeindruckt gezeigt? Oder hat sie etwa große Augen gemacht, als sie einen Blick auf deine tolle Hellraiser-Puzzlebox geworfen hat?

Wahrscheinlich nicht.

Wie würde sich im Kontrast dazu ein Abend mit der Angebeteten, einer Flasche guten Rotweins und einer Privatvorführung von Singin’ in the Rain bei Kerzenschein entwickeln? Gemeinsames Lachen über die Eskapaden des dynamischen Duos Kelly/O’Connor (zur Lockerung der Atmosphäre), gefolgt vom gemeinsamen Bangen um das amouröse Schicksal dieser Traumpaarung (Sie: „Wird für die beiden wohl alles gut enden? Wie spannend! Darf ich deine Hand halten?“), und schließlich… na ja, wie der Film und der Abend mit der Traumfrau ausgeht, das musst du selbst abwarten. *räusperHappyEndingräusper*

Die Briefmarkensammlung war gestern.



„Also gut, Mädels mit Musicals anzubaggern habe ich nicht nötig. Und was hat so ein Film außer ein paar Tanznummern schon für mich zu bieten?“

Wie wäre es mit Humor? Die größte Stärke des Films – neben seinen perfekt choreographierten Tanz- und Gesangseinlagen – ist der unglaubliche Wortwitz. Die anfänglichen Verbalgefechte zwischen Kelly und Reynolds können es mühelos mit den besten Momenten einer Howard Hawks- oder Billy Wilder-Produktion aufnehmen. Jean Hagen glänzt als Stummfilm-Star, deren Mangel an Intelligenz und einer halbwegs erträglichen Stimme für andauernde Streitigkeiten mit ihrem Regisseur und Amüsement des Zuschauers sorgt. („Into the bush!“) Und diverse Seitenhiebe auf das Leben der Reichen und Schönen in Hollywood wirken auch heute noch so frisch wie vor über 50 Jahren.

Und wenn dir alleiniger Wortwitz nicht reicht, so verweise ich abschließend auf Donald O’Connor. Kellys Sidekick ist ein wandelnder Spezialeffekt, der in Singin' in the Rain mit „Make ’em laugh“ die wohl körperlich herausforderndste Musicaldarbietung leistet. O’Connor spielt Klavier, tanzt, wird niedergeschlagen, prügelt sich mit einem Stoff-Mannequin, läuft Wände hinauf, schlägt Salti und durchbricht schließlich die Studiowand, nur um sich schon Sekunden später strahlend vor dem (imaginären) Publikum mit einem Kniefall zu bedanken. Ach ja, singen und grimassieren tut er noch dazu. All dies geschieht dermaßen leichtfertig als hätte er sich die besten Gene Chico, Harpo und Groucho Marx’ geklaut und in seinen Genpool geworfen. O’Connor ist nicht nur ein begnadeter Tänzer, sondern ein ebenso genialer Komödiant.







„Aber ist das nicht alles furchtbar altmodisch und total überholt?“

Ja, und genau das ist das schöne an diesem Film. Auf den meisten amerikanischen RomComs der letzten Jahre lastet der Fluch postmoderner Ironie. Selten sieht man heute noch ein glückliches Filmpaar, dass sich „einfach so“ verliebt und nicht zuerst durch für beide äußerst peinliche Situationen schreiten muss. Daher mutet es fast bizarr an, wenn Kelly seiner Angebeteten bereits im ersten Drittel des Films seine Liebe im Scheinwerferlicht gesteht bevor er überhaupt die Chance hatte, in einen Apfelkuchen zu onanieren oder der bezaubernden Miss Reynolds mit einem gewissen Körpersekret die Haare zu frisieren.

Eine neuere amerikanische Liebeskomödie, an der ich mich vor kurzem erfreuen durfte, handelte von einem Teenager, der sich in ein gleichaltriges Porno-Starlet verliebt und, im Laufe der mit 130 Minuten überlangen Geschichte, auf dem Wege in ihr Herz (und unter ihren Rock) Misshandlungen seitens ihres Zuhälters und einen desillusionierenden Besuch einer Sexmesse hinter sich bringen muss. Was nach vor knapp 30 Jahren Taxi Driver seinen düsteren Touch verlieh, geht offensichtlich heute als leichte Teen Comedy-Kost durch. Nenn mich konservativ, doch nach all dem Yuck!-Humor im US-Kino der letzten Jahre hat man sich vom brillant unschuldigen Kitsch eines klassischen Musicals wie Singin’ in the Rain beinahe entwöhnt und lässt es daher heute umso frischer und unbekümmerter erscheinen.



„Äh… wie hieß der Film mit der Teeny-Pornodarstellerin doch gleich?“

Stolz und Vorurteil… glaube ich.



Bild:
Warners DVD-Präsentation ist prächtig. Die Reproduktion der intensiven Technicolor-Farben muss die Restauratoren vor große Schwierigkeiten gestellt haben, die sie aber eindrucksvoll gemeistert haben. Bis auf minimale Verschmutzungen in den ersten Minuten ist das Bild perfekt, kontrastreich und die Farben dynamisch. Warners Ultra-Resolution Process (uh-oh!) sei Dank! Singin' in the Rain reiht sich damit in die illustre Gesellschaft von Der Unsichtbare Dritte, Citizen Kane, Meet Me in St. Louis und Der Zauberer von Oz als ein weiterer Warner-Titel ein, dem man sein hohes Alter in keinem Moment ansieht.

Ton:
Dem englischen Ton wurde für diese Special Edition ein neuer 5.1 Surround-Mix spendiert. Der überarbeitete Sound klingt etwas klarer, bleibt der originalen Mono-Tonspur aber weitestgehend treu. Für Puristen gibt es darüber hinaus den Film in mono in den folgenden Sprachen: englisch, deutsch (passable Synchronisation, doch qualitativ meilenweit hinter dem Original) und spanisch.

Untertitel:
Untertitel stehen zur Verfügung in deutsch, englisch, spanisch, schwedisch, norwegisch, dänisch, finnisch, portugiesisch, hebräisch, polnisch, griechisch, türkisch, ungarisch, isländisch, kroatisch, französisch und italienisch. UT für Hörgeschädigte in Deutsch und Englisch.

Extras:
Reichlich. Der Audiokommentar mit Beteiligung von Debbie Reynolds, Cyd Charisse, Kathleen Freeman, Stanley Donen, den Autoren Betty Comden und Adolph Green, Baz Luhrman, dem omnipräsenten Rudy Behlmer und dem kürzlich verstorbenen Donald O’Connor ist ein Muss. Er bietet zum großen Teil dieselben Informationen wie die 30-minütige Doku What a Glorious Feeling auf Disc 2, geht aber weiter in die Tiefe. Wenn nur Zeit für ein Extra bleibt, so würde ich den Kommentar empfehlen.


Die neu produzierte Doku ist routiniert zusammengestellt, verschwendet aber leider zuviel Zeit mit Filmausschnitten. Besser ist da schon das für das amerikanische Fernsehen produzierte, 90-minütige Musicals Great Musicals, das einen guten Einblick in die Filme der Arthur Freed Unit in den 30er, 40er und 50er Jahren bietet.

Besonders interessant sind die Ausschnitte aus früheren Arthur Freed-Produktion, in denen die Songs aus Singin’ in the Rain premierten. Weiterhin gibt es Fotogalerien, Castingaufnahmen mit den Darstellern und noch vieles mehr zu entdecken.


Fazit: Warners 2-Disc Special Edition von Singin’ in the Rain ist auch drei Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch DIE Referenz in Sachen Musicals auf DVD.

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Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend
Bild: Hervorragend (1.33:1 Full Screen)
Ton: Sehr gut (DD 5.1; mono)
Extras: Sehr gut (Audiokommentar, 2 Dokumentationen, Castingaufnahmen, Kinotrailer, Galerien u.a.)

Montag, 24. Oktober 2005

Dominion: Prequel to The Exorcist (USA 2005) - Short Review [R2]

Mehr als die dreieinhalb Absätze der nun folgenden Kurzkritik ist Dominion: Der Anfang des Bösen wirklich nicht wert. Nicht etwa, dass Paul Schraders Urversion der später von Renny Harlin übernommenen Produktion ein wirklich schlechter Streifen ist! Er ist nur in so ziemlich allen Punkten höchst mittelmäßig. Mittelmaß ist schlimm genug. Aber ein mittelmäßiger Schrader ist Grund genug, um Tränen zu vergießen.

Dominion ist Harlins Version der Vorgeschichte zu einem DER Horrorklassiker der 70er zwar überlegen, doch macht er im Vergleich zu dieser nicht den qualitativen Quantensprung, dem ihm so einge US-amerikanische Kritiker zugesprochen haben. Der wunderbare Stellan Skarsgard traumwandelt durch die marrokanische Szenerie, die unterdrückte Leidenschaft Clara Bellars entflammt nur auf Teelicht-Niveau, und Pop-Sternchen Billy Crawford chargiert und grimassiert wild als der vom Teufel besessene Cheche (schlägt sich aber im Großen und Ganzen nicht allzu schlecht). Nur Gabriel Mann als Pater Francis ist mit ganzem Herzen bei der Sache - bevor dieses dann unvermittelt von den Pfeilen Satans durchbohrt wird.




Irgendwie hat man beim Betrachten ständig das Gefühl, diese oder jene Szene schon besser in anderen Filmen gesehen zu haben (vornehmlich natürlich in Friedkins The Exorcist). Die Dali-esken Traumsequenzen wirken unbeholfen und unfertig. Und so manche Entscheidung beim Schnitt ist eher schwer nachzuvollziehen. Vielleicht wollte Schrader aber auch nur von den teils an naive Landschaftsmalerei erinnernden Effekten so schnell wie möglich zu einer Charakterszene überblenden, um den Zuschauer nicht gänzlich der filmischen Illusion zu entreißen. Die schlechten Effekte sind wohl einerseits auf ein niedriges Budget zurückzuführen, in manchen Fällen aber nicht mal damit zu rechtfertigen. Warum z.B. CGI-Kühe, CGI-Hyänen und CGI-Schlangen wenn man doch auch echtes Getier hätte mitspielen lassen können?

Alles in allem hat der Film nichts wirklich Herausragendes zu bieten, daher erspare ich mir auch weitere Kommentare zu Drehbuch, Kamera (Vittorio Storaros schlechteste Leistung seiner langen, beeindruckenden Karriere) und Kostümen. Die DVD jedenfalls bietet ein ziemlich verwaschenes Bild, das für einen deutlich älteren Film eventuell akzeptabel wäre. Der Sound ist klar und frontlastig, doch nur an zwei oder drei Stellen hat man auch mal die Surroundkanäle bemüht (dafür aber umso wirkungsvoller). Schraders Audiokommentar ist neben ein paar Deleted Scenes das einzig nennenswerte Extra. Der Regisseur wirkt nicht besonders euphorisch, wortkarg und betont mehrfach, dass der Film eine Auftragsarbeit und nicht unbedingt ein Herzensprojekt ist. Who woulda thought?!

Sonntag, 23. Oktober 2005

Metropolis (D 1927) - Review [R2]

Mit Brigitte Helm, Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge, Theodor Loos, Heinrich George u.a.
Musik: Gottfried Huppertz
Kamera: Karl Freund, Günther Rittau
Produktion: Ufa Berlin
Buch: Thea von Harbou
Regie: Fritz Lang


Fritz Langs legendäres Science Fiction-Epos aus dem Jahre 1927 hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren und portraitiert eine Gesellschaft im Aufbruch ins industrielle Zeitalter ebenso sehr wie er prophetisch vor den Schrecken des Nationalsozialismus warnt.

Adolf Hitler benannte einst in maßloser Ignoranz Metropolis als seinen Lieblingsfilm, hatte aber offensichtlich die Kernaussage des Films verschlafen: Mittler zwischen Geist und Händen muss das Herz sein, oder auch: Lasse dich bei deinem Tun von Menschlichkeit und Liebe leiten. Inhaltlich ist Metropolis aufgrund seiner simplen humanistischen Botschaft weit weniger bahnbrechend als in seiner Visualisierung des alptraumhaften Molochs und der auf diesem ruhenden futuristischen Metropole. Tatsächlich folgt die Handlung des Films dem eher klassischen Muster des Kampfes von Gut gegen Böse. Das Kabinett des Doktor Caligari, Nosferatu, und auch Fritz Langs Dr. Mabuse: der Spieler waren insofern weitaus mutiger, als dass sie es wagten, die kriminellen und blutdürstigen Wahnsinnigen ins Zentrum des Geschehens zu rücken und dem Kinozuschauer einen strahlenden Helden (wie im Falle Metropolis der von Gustav Fröhlich dargestellte Freder) vorzuenthalten.

Wie bereits erwähnt sind es die visuellen Finessen, die Metropolis zu einem der stilprägendsten Werke im internationalen Kino werden ließen. Heute fällt es schwer, das Porträt der futuristischen Megacities in Blade Runner und Akira nicht mit Langs Meisterwerk zu assoziieren. Auch Brazils meilenweit in den Himmel ragende Wolkenkratzer und der darunter liegende Röhren- und Tunnelkomplex ist eindeutig von Metropolis geprägt. Die Idee, in künstlichen Gärten inmitten ein von Technik und Industrialisierung dominierten Umwelt Zuflucht zu suchen, zieht sich durch unzählige Science Fiction-Filme und –Serien. Und wer denkt nicht sofort an den besessenen Wissenschaftler Rotwang, wenn Dr. Seltsam in Stanley Kubricks gleichnamigen Film Gefahr läuft, sich in einem Anfall von Wahnsinn selbst zu erwürgen (schwarze Handschuhe inklusive)?

Trotz seiner majestätischen Bilder ist es unklar, wie viel von Fritz Langs ursprünglicher Vision heute noch erhalten ist. Enno Patalas’ informative Doku zur Entstehung des Films zeigt uns Aufnahmen vom Dreh, die wesentlich ambitioniertere Spezialeffekte erahnen lassen als die, welche wir tatsächlich zu sehen bekommen. Die von Budgetproblemen geplagte Produktion, Kürzungen des internationalen Verleihers Paramount, Fritz Langs spätere Flucht aus Deutschland und die mangelhafte Präservation des hochempfindlichen Originalnegativs machen die hier vorliegende Version des Films, trotz einer um 30 Minuten kürzeren Laufzeit im Vergleich zur 1927er Premierenfassung, zu einer filmrestauratorischen Meisterleistung.





Bild:
Transit Film präsentiert Metropolis - Deluxe Edition in der 2001 für die Berlinale restaurierten Fassung. Abgesehen von vereinzelten Sprüngen im Bild, die sich durch den Verlust weniger Einzelbilder erklären lassen, ist die hier vorliegende Version makellos. Selbst Szenen, die durch jahrelangen Zerfall beinahe als verloren galten, wurden hier Dank sensibel eingesetzter digitaler Manipulation in ihren Originalzustand zurückversetzt. Das Bild besitzt eine reiche Graupalette, welche die viel zu kontrastreich tiefschwarz/grellweißen Versionen früherer Tage weit hinter sich lässt. Die neu produzierten Texttafeln fügen sich angenehm in den Film ein.

Ton:
Der Film wird begleitet von der vom Rundfunkorchester Saarbrücken neu eingespielten Originalmusik Gottfried Huppertz’ in 5.1 Surround und Stereo. Beide Tonspuren klingen kristallklar und geben den Score ohne viel Surround-Schnickschnack wider.

Untertitel:
Untertitel stehen zur Verfügung in deutsch, englisch, französisch, spanisch und italienisch.

Extras:
Ein hervorragender Audiokommentar von Enno Patalas ist das bedeutendste Bonus Feature. Der Fall Metropolis beleuchtet in einer Dreiviertelstunde die Entstehungsgeschichte des Films und Martin Koerber präsentiert ein 10-minütiges Feature zur Restauration des Klassikers. Darüber hinaus gibt’s Biographien zu Stab und Besetzung und eine umfangreiche Photogallerie. Besonders lobend möchte ich die Tatsache erwähnen, dass das gesamte Bonusmaterial auch englisch synchronisiert bzw. untertitelt auf dem DVD-Set zu finden ist. Besonders cool für all diejenigen, die auch des Deutschen nicht mächtige Freunde in den Genuss des Films kommen lassen möchten.

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Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend (aber viel schwerer Pathos!)
Bild: Hervorragend (1.33:1 Full Screen)
Ton: Hervorragend (DD 5.1; stereo)
Extras: Sehr gut (Audiokommentar von Enno Patalas, Dokumentationen zu Film & Restaurierung, Fotogallerien u.v.m.)