Dienstag, 5. Februar 2013

Igittigitt! Die Fliege (USA 1986) von David Cronenberg - Review


Jetzt habe ich mich schon mehrfach an dieser Stelle über unnötige Remakes, Reboots und recyclete Ideen im Horrorgenre ausgekotzt. Nun ist es einmal an der Zeit, einen Meister des Zelluloids zu präsentieren, der aus der Vorlage eines in Würde gealterten Klassikers ein Meisterwerk des modernen Horrors bastelte. Gestatten, David Cronenberg.


In den letzten Jahren hat sich der kanadische Filmemacher ja leider an eher wenig provokanten Stoffen versucht. Zwar kann ich seinen Projekten mit Viggo Mortensen einen soliden Unterhaltungswert abgewinnen und war überrascht von Cosmopolis' (2012) fröhlichem Anarchismus, aber Cronenbergs Blütezeit war die der beinahe obsessiven Auseinandersetzung mit dem Thema Körperhorror in den siebziger und achtziger Jahren. Videodrome (1983) mag mein Lieblingsfilm des hageren Canuck sein, doch The Fly war es, der Cronenbergs Wahnsinn in all seiner Glibschigkeit ins US-Mainstreamkino katapultierte.



Seine Überarbeitung von Die Fliege (1958) stellt einen der seltenen Fälle dar, in dem ein Remake das Original - don't shoot me! - in jeglicher Hinsicht übertrifft. Vergessen ist das pseudo-wissenschaftliche Blabla zugunsten einer eher abstrakten filmischen Annäherung an die Frage Vom Menschen zur Fliege - Wie soll denn sowas gehen? Und noch viel wichtiger: What the Fuck...?! Hatte man es im Original noch mit dem im Paranoiakino der 50er Jahre allgegenwärtigen Mad Scientist zu tun, der recht wenige Sympathien beim Publikum geweckt haben dürfte, so ist Jeff Goldblums Seth Brundle zunächst einmal nur ein Nerd - zappelig, aber ansonsten recht unscheinbar und liebenswert. Goldblum ist in The Fly das männliche Gegenstück zu dem aus High School-Komödien bekannten Mädchen mit Zahnspange und Hochsteckfrisur, das sich im Verlauf des Films vom hässlichen Entlein zum Schwan mausert und ihre Mitschüler damit überrascht, dass sich hinter Hornbrille und Gummistiefeln ein regelrechtes Supermodel verbirgt.


So auch Seth Brundle: der zurückgezogen lebende Wissenschaftler geht nur zunächst nur widerwillig auf das Angebot der attraktiven Journalistin Veronica (Geena Davis) ein, sein Teleporter-Projekt in Form eines Buches dokumentieren zu lassen. Doch schnell schmilzt er in Veronicas Händen dahin und verfällt ihr, nur um während eines emotionalen Zusammenbruchs im Suff ein Selbstexperiment zu wagen, das ihn und eine Stubenfliege auf molekulargenetischem Level vereint und ihn zu letztendlich zur Zucker- und Sexbesessenen Brundlefliege werden lässt. Shit happens.


Seths Wandel vom Stubenhocker zum Aggressor bildet das Gegenstück zu Geena Davis’ Rolle, die sich in genau gegensätzliche Richtung entwickelt. Von einer selbstbewussten Reporterin, die sich resolut den Avancen ihres Ex-Lovers Stathis (gewohnt gut als öliger Nebenbuhler:John Getz) widersetzt, wandelt sie sich unter dem Druck des zum Monster mutierenden Liebhabers zum der Situation hilflos gegenüberstehenden Nervenbündel. Sie flüchtet in die Hände ihres Ex, um nicht noch tiefer mit in eine Spirale des Wahnsinns gezogen zu werden. Erst eine erschütternde Entdeckung treibt sie ein letztes Mal zum nicht mehr ganz so attraktive Seth aka Brundlefliege zurück…


Oft als Horrorfilm gebrandmarkt ist The Fly zuallererst eine surreale Liebesgeschichte. Seths Experimente sind zwar Auslöser für die Romanze zwischen ihm und Veronica, dominieren aber bis zur Halbzeit des Films nicht den Plot. Cronenberg verwendet viel Zeit, um eine Dreiecksbeziehung zwischen den Charakteren zu entwickeln, die er erst gegen Ende des zweiten Akts des Films weitgehend verwirft und von Grund auf neu konstruiert. Seth wandelt sich vom verspielten Jungen zum dementen Monster; Veronica beginnt den Film als toughe Journalistin und endet in einem Zustand von Schock und Paralyse; und der 08/15-Schleimbeutel Stathis verbirgt unter seiner arroganten Fassade einen fühlenden und von Liebeskummer zerfressenen Menschen.


Der Regisseur umschifft Klischees des klassischen Horrorfilms wie eindimensionale Schurken, verrückte Wissenschaftler und undankbare Frauenrollen, die lediglich als Staffage dienen. Das Drehbuch balanciert elegant zwischen Grauen, Romantik und Pathos, ohne in Gefühlsduseleien zu verfallen. Man beachte nur die Szene, in der sich Veronica und Seth zum ersten Mal wiedersehen, nachdem er bereits einen wochenlangen physischen Verfall hinter sich gebracht hat. Auf das Mitleid mit dem mittlerweile am Krückstock gehenden Wissenschaftler folgt eine bizarre Zurschaustellung seines mutierten Verdauungssystems, der Verlust einiger Körperteile und eine herzergreifende Umarmung unserer beiden Protagonisten, die den meisten Zuschauern wohl ein irgendwo zwischen Ekel und Mitgefühl angesiedeltes „Ewwwwww!“ entlocken wird.


Wie in fast allen seinen Werken arbeitet Cronenberg auch hier mit alten Weggefährten. Howard Shore steuert einen effektiven Score bei, der zwar nicht an seine spätere Glanzleistung für Dead Ringers (1988) herankommt, aber dennoch gekonnt zwischen bedrohlichen und sphärischen Motiven wechselt. Carol Spier ist wieder mal für das Produktionsdesign verantwortlich und damit auch für die mittlerweile legendären Teleporter-Pods, deren Design sich an ein Motorradgetriebe anlehnt. Die größte Glanzleistung vollbringen allerdings Chris Walas und sein Team von Masken- und Effektdesignern. Nicht nur die ein oder andere grausige Verstümmelung (Armdrücken will never be the same) ist enorm realistisch und daher umso unangenehmer anzusehen; es gelingt ihm zudem, durch sein Makeup die mimischen Fähigkeiten Goldblums zu unterstützen und nicht etwa unter Tonnen von Latex zu begraben. Bravo! ...und dafür verzeihe ich Walas sogar Die Fliege II.


Drama, Romantik, Science Fiction, Horror, Brundlefliege. Kurzum: Einer der besten Genrefilme der 80er Jahre.

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