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Montag, 30. Juli 2012

Hard Ticket to Hawaii (USA 1987) Review

Andy Sidaris versteht sein Publikum wie kein Zweiter. Halbnackte Girls, vorzugsweise ehemalige Playboy-Centerfolds, prügeln sich leicht bekleidet mit fiesen Drogenhändlern unter Einsatz jeder denkbaren Stich- und Schusswaffe herum. Dieser Satz beschreibt nicht nur den Plot von Sidaris' 1987er Meisterwerk Hard Ticket to Hawaii, sondern so ziemlich jeden seiner zwölf DTV-Actionstreifen, die er im Laufe seiner kurzen, aber illustren Karriere drehte. Und für alle gilt: shot on Location in Hawaii!


Donna Speir (US-Playboy Ausgabe April 1984) und Hope Marie Carlton (Juli 1985) sind ehemalige Agentinnen der Drogenbehörde, die nun auf Hawaii ihre Frührente als Betreiber einer Spedition für kleine Frachtladungen genießen und gelegentlich mit ihrem kleinen Propellerflugzeug junge Hochzeitspaare zu entlegenen Stränden fliegen. Eines Tages aber landet eine genetisch mutierte Killerschlange versehentlich in ihrem Laderaum, die bei einem Zwischenstopp entkommen kann und nun mehr oder weniger unschuldige Hawaiianer dezimiert. Zudem legen sie sich eher unfreiwillig mit fiesen Drogendealern an, welche die beiden von nun an jagen. Um der nicht allzu komplexen Handlung noch ein bisschen mehr Schwung zu geben, verschlägt es zwei virile Haudegen samt Pferdeschwanz und eingeöltem Bizeps auch auf die Insel. Außerdem lernen wir einen zynischen Hollywoodmogul kennen (gespielt von Meister Sidaris selbst) und beobachten Cynthia Brimhall (Oktober 1985) dabei, wir ihr idyllisch gelegenes Restaurant von inkompetentem Personal (weibliche Gäste werden bevorzugt mit Kommentaren über die Qualität ihres Hinterteils oder der Möpse begrüßt) zugrunde gerichtet wird.

Quelle: www.andysidaris.com

Hard Ticket to Hawaii ist herrlich klassisches Videothekenfutter der 80er Jahre mit einer sehr persönlichen Note. Während die meisten DTV-Filme dieser Ära und heutzutage mit beinahe verbissener Ernsthaftigkeit ihre dünnen Stories erzählen, sind Andy Sidaris' Werke vor allem eines: ein großer SPAß. Dies soll nicht heißen, dass auch dieser Film eine dieser selbstironischen Actionkomödien ist, in denen uns der Regisseur quasi in jeder Szene mehr oder weniger eindeutig mit einem wissenden "Ja, ich weiß, dass das Trash ist" zuzwinkert und der Zuschauer den Film nur mit ordentlich ironischer Distanz zum Geschehen auf dem TV-Bildschirm ertragen kein. Nein, das Vergnügen rührt daher, dass Hard Ticket to Hawaii vollkommen unprätentiös mit seiner Geschichte und den Darstellern umgeht; sich nicht zu fein ist, uns eine wahnwitzige Action- oder Nacktszene zu schenken, weil die letzte schon mindestens fünf Minuten in der Vergangenheit liegt. Ob die Handlung eine solche bedingt, spielt keine Rolle. Sidaris weiß, was die Zuschauer seiner Filme erwarten und gibt ihnen genau das.


Es folgen ein paar Momentaufnahmen aus Hard Ticket to Hawaii, um euch darzulegen, was ich meine (kleine Spoiler... aber wird sind ja nicht so streng, oder?):

  • In einer der ersten Szenen des Films beobachten wir zwei hawaiianische Cops auf einer Routinepatrouille. Sie erwarten nichts Böses. Routine eben. Dum-di-dum. Im Laufe des kurzen Gesprächs lässt der ältere Cop fallen, dass er nur noch eine Woche bis zur Pensionierung habe und sich auf die Ruhe und den Müßiggang des Alters freut. Und sein jüngerer Kollege ist erst frisch der Polizeischule entsprungen, möchte noch viel von seinem Mentor lernen und irgendwann einmal der beste Cop auf Hawaii werden. Fünf Sekunden, nachdem wir diese liebevoll vorgestellten Charaktere kennenlernen durften (hach!), werden sie von Drogendealern an Bäumen aufgehangen und mit einer Schrotflinte erschossen.

  • Nachdem unsere beiden Playboy-Mädels eben mal eine Killerschlange entwischen ließen und ein Drogensyndikat gegen sich aufgehetzt haben, müssen sie sich erst einmal Gedanken machen, wie sie denn nun weiter vorgehen. Schließlich ist die Kacke ordentlich am Dampfen. Vorschlag von Donna: "Let’s unload the plane and then go hit the hot tub. That’s where I do my best thinking." Keine weiteren Worte.

  • Einer der größten Spaßfaktoren im klassischen Actionfilm sind ja die Handlanger des Oberbösewichts. Hard Ticket to Hawaii hat eine ganze Armee cooler Henchmen, nicht zuletzt das masochistische Arschloch "Shades", der versteckt hinter einer verspiegelten Sonnenbrille bevorzugt wehrlose Polizisten erschießt und liebend gerne Frisbee spielt. Welch Ironie, dass er später sein Leben verliert im Duell gegen einen unserer Helden, der ihn mit einem mit Rasierklingen gespickten Frisbee einen Kopf kürzer macht und dabei gleich noch ein paar Finger mitnimmt. Und wer könnte den Tod des Skateboard-Todesschützen mit einem Faible für Gummipuppen vergessen...?


Summa summarum: ein Riesenspaß für kleine und große Jungs. Sex and Violence ...and all in good fun. Mehr Infos zu Andy Sidaris und seinen Filmen findet ihr unter Andy Sidaris Dot ComHard Ticket to Hawaii und elf weitere (überwiegend) grandiose Actionknaller findet ihr auch im Girls, Guns and G-Strings DVD Set. Glaubt mir, das sind die lohnendsten paar Dollar, die ihr jemals für eine Filmsammlung ausgegeben habt. Kauft das DVD-Set jetzt und dankt mir später unter patrick@bahnhofskino.com.*

Gute Nacht!

* Nein, ich verdiene weder irgendwas mit Verweis auf die Website des Regisseurs (R.I.P.) noch durch den Amazon-Link. Ich bin einfach nur ein netter Kerl, verdammt!

Donnerstag, 26. Juli 2012

Blu-Rays für den verschnupften Sommer... hust!

Hurra, endlich sind die heißen, sonnigen Tage da! Baggersee, Park, Schwimmbad, ans Meer... egal wohin, Hauptsache raus. Woo-Hooo!!

Zurück zu meiner Wenigkeit: durch eine Erkältung geschwächt und daher erstaunlich unzynischer- und herzlicher- und netterweise möchte ich euch heute einfach ein paar Tipps geben, welche mit cineastischen Genüssen gefüllten Silberscheiben aus heimischer Produktion und aus dem Ausland derzeit empfehlenswert sind. Für all diejenigen unter euch, die meinen Gesundheitszustand teilen, aus anderen Gründen ans Bett gefesselt oder einfach nur lieber die Sonne meiden und ihren Tag im abgedunkelten Kellerloch verbringen im Anschluss ein paar sehr schicke Neuerscheinungen. Wie immer gilt: enjoy!

Repo Man - der Film, der sich jedem normalen Genre verweigert, auf einer brillanten Blu-Ray aus dem Hause Masters of Cinema (UK).

Repo Men (USA 1984)

Wer mich kennt, weiß, wie sehr ich diesen Film liebe. Das beste Werk von Underground-Auteur Alex Cox mit einem erstaunlich amüsanten Emilio Estevez und der schönsten, zerfurchten Gesichtslandschaft Hollywoods: Harry Dean Stanton. Mit dem Begriff Kultfilm wird leider viel zu oft herumgeschmissen und selbst Streifen damit geadelt, die diesen Titel nicht verdient haben.* Repo Man aber ist DER ultimative Kultfilm der 1980er. Die Masters of Cinema Blu-Ray präsentiert den Film in schönstem hochauflösendem Licht mit amüsant-informativem Bonusmaterial und - Wow! - den Comic-Storyboards des Regisseurs im Booklet. Allein dafür sollte man seine zerkratzte DVD oder abgenudelte VHS-Kassette gegen diese Edition austauschen.

* kürzlich wurde in meiner Anwesenheit Austin Powers (1997) als Kultfilm herbei zitiert - WTF?


Tausendschönchen erstrahlt nun tausend mal so schön wie bisher auf der neuen Blu-Ray von Bildstörung.

Tausendschönchen (CSSR 1966)

Noch so ein schwieriger Film, wenn es darum geht, ihn auf den Punkt zu bringen: surreal-trashige Chickflick-Komödie mit sozialkritischem Einschlag trifft es wohl am Besten. Mit Sicherheit ein Film, den man nur lieben oder hassen kann, denn die beiden Protagonistinnen des Films (Maria und Maria) sind in ihrer selbstverliebt-nervigen Albernheit bestimmt selbst hartgesottenen Cineasten etwas zu viel. Nichtsdestotrotz ein filmhistorisch wertvolles Stück Kino, das jeder gesehen haben sollte. Die Jungs und Mädels von Bildstörung haben sich mit ihrer neuen Blu-Ray von Tausendschönchen [Sedmikrásky] (auch als DVD erhältlich) selbst übertroffen. Neben einem wirklich interessanten Audiokommentar und einem mit etwas unnötig viel akademischem Blabla gefülltem Booklet erscheint der Film auch in einer limitierten Auflage von 300 Stück als Limited Edition mit Soundtrack CD. Leider sehr ohrwurmig, ich kriege die Melodien nicht mehr aus dem Kopf. Aaargh! Und wo wir gerade bei bekloppt nervtütigen Ohrwürmen sind...


Auf Arrow Video (UK) ist nicht nur in Sachen Lucio Fulci und Dario Argento Verlass - das Label hat auch ein Herz für irrsinnige Musicals.

Forbidden Zone (USA 1980)

Vor nicht allzu langer Zeit verstarb die großartige Susan Tyrrell und ich nahm dies zum Anlass, zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen meine Arrow Blu-Ray des Richard Elfman Anarcho-Musicals Forbidden Zone hervor zu kramen und es bei plärrend hoher Lautstärke zu genießen. Weniger sozio-politisch provokant, dafür aber ebenso irre wie Tausendschönchen, kann man den Film immer wieder genießen sofern man keinen allzu großen Wert auf einen nachvollziehbaren Plot legt. Bei all den LSD-inspirierten Bildern, Musicalnummern von Oingo Boingo und den Kipper Kids, gepaart mit einem Ensemble bestehend aus Tyrrell, Danny Elfman, Hervé "Fantasy Island" Villechaize und Joe "Maniac" Spinell würde aber zu viel Handlung auch nur störend wirken.


Eines der vier Wechselcover für The Conformist, die charakteristisch sind für alle Arrow und Arrow Academy DVD und Blu-Ray Veröffentlichungen. Très chic!

Il Conformista - Der große Irrtum (I 1970)

Abschließend noch zwei Arthouse-Klassiker in den weltweit schönsten Edition. Dass Arrow Video nicht nur Trash und Sleaze vollendet auf Blu-Rays packen kann, haben sie schon dutzendfach bewiesen. In ihrer kleinen Reihe Arrow Academy hingegen bringt das Label hingegen immer wieder echte, große Kunst heraus - wie zuletzt Bernardo Bertoluccis Frühwerk Il Conformista - Der große Irrtum. Endlich eine adäquate Möglichkeit, dieses Meisterwerk in makelloser Bildqualität und eingebettet in außergewöhnlich gut produzierte Bonus Features zu genießen.


Über die Auswahl der Filme in der Criterion Collection kann man sich beizeiten streiten - nicht aber über die künstlerische Qualität der Cover. Die Blu-Ray von Belle de Jour macht da keine Ausnahme.

Belle de jour - Schöne des Tages (F 1967)

Einen der schönsten und auch für Otto-Normal-Filmchengucker zugänglichsten Filme von Luis Buñuel wurde endlich mit einer Blu-Ray aus dem Hause Criterion geadelt - der Heimkinoschmiede, die uns bereits hunderte Meisterwerke auf Laserdisc, DVD und in HD geschenkt hat... und alles von Wes Anderson... und zwei Filme von Michael Antichrist Bay! Aber zurück zu Belle de Jour: dieser Klassiker des erotischen, surrealen Kinos mag nicht so abgefahren und innovativ sein wie Der Diskrete Charme der Bourgeoisie (mein liebstes Buñuel-Werk), ist aber ebenso sehenswert. Nicht zuletzt für Catherine Deneuves brillante Darstellung (die beste ihrer Karriere!) der vom Hausfrauendasein gelangweilten Protagonisten Séverine, die sich auf der Suche nach Abenteuern in einen Nebenjob in einem Puff flüchtet. Akademisch wertvolle und überwiegend sehr unterhaltsame Bonus Features inklusive. Der Import lohnt - trotz des für uns Europäer schlechten Dollarkurses.

Samstag, 14. Juli 2012

Bad Boy Bubby (AUS 1993) DVD Review

Was macht eigentlich Rolf de Heer? Da rotzt uns der australisch-niederländische Filmemacher anfang der 90er - in dieser Blütezeit des Independentfilms - einen der schönsten, dreckigsten und berührendsten Streifen aller Zeiten hin, gewinnt mal eben in Venedig einen Goldenen Löwen, und verschwindet danach (fast) in der Bedeutungslosigkeit. Zwar treibt er sich immer noch auf den bedeutendsten Filmfestivals der Erde herum und sammelt fleißig Preise ein (zuletzt für sein großartiges Abenteuerdrama Ten Canoes), doch hat keines seiner Werke je das Renomée und emotional auszehrende Qualität seines Debütfilms Bad Boy Bubby erreicht.

Quelle: www.bildstoerung.tv

Die Ausgangssituation des Films ist so simpel wie faszinierend wie erschreckend wie pervers: Bubby (Nicholas Hope), ein Mann um die 30, lebt mit seiner Mutter (Claire Benito) in einem heruntergekommenen Ein-Zimmer-Appartment. Bubby hat die vier Wände seines Heims Gefängnis nie verlassen. Indem sie eine Gasmaske vor Verlassen der Wohnung aufzieht und ihrem Sohn regelmäßig im wahrsten Sinne des Wortes den Atem nimmt, suggeriert ihm seine Mutter, dass er außerhalb der ihm vertrauten Umgebung ersticken würde. Regelmäßig missbraucht sie Bubby körperlich und psychisch. Noch unerträglicher wird die Situation, als eines Tages ein fremder Mann (Ralph Cotterill) in das verkorkste Leben des ungewöhnlichen Mutter-Sohn-Gespanns tritt, der sich als Bubbys Vater entpuppt. Als die Lage für den Sohn unerträglich und gar lebensbedrohlich wird, gelingt Bubby eine unkonventionelle Flucht in die Freiheit. Doch erweist es sich als nicht unproblematisch, als erwachsener Mann mit dem Verstand eines Dreijährigen durch die Welt dort draußen zu kommen. Und ist die Welt vorbereitet auf Bubby?

Bad Boy Bubby ist der ultimative Debütfilm: dort, wo ein etablierter Filmemacher aufhören würde, weil es die Grenzen des guten Geschmacks und political correctness verbieten, macht Rolf de Heer einfach weiter. Wo in einem konventionellen Drama alles auf ein Ende hinauslaufen würde, in dem das irre und irrende Mannkind Bubby auf den Pfad der Tugend, Aufklärung und Erlösung finden würde, bleibt der Autor-Regisseur seiner persönlichen Überzeugung und seinem infantilen Protagonisten treu. Friss oder stirb. Die Welt und alle Menschen darin, deren Wege sich mit denen Bubbys kreuzen, müssen sich mit dem Außenseiter auseinandersetzen; ihn ins Herz schließen oder ausspucken. Eine weitere Alternative gibt es nicht, denn Bad Boy Bubby folgt keiner klassischen Erzählstruktur, die uns weismachen will, dass man einen von Geburt an über Jahrzehnte seelisch geschundenen Menschen jemals wieder in gängige gesellschaftliche Normen wird pressen können.

Seine ebenso verstörende wie bewegende Geschichte verpackt de Heer in großartige Cinemascope-Bilder, quasi als visueller Gegenpol zu den überwiegend klaustrophobischen und kargen Schauplätzen des Films. Seine Kamera macht auch aus kleinen Momenten großes Kino und unterstreicht die Isolation und das spätere Chaos, in dem Bubby herum stolpert. Wie ein endlos großes Schlachtfeld wirkt die kleine Gefängniswohnung, nachdem Bubby und seine Eltern dort gewütet und alles auseinander genommen haben. Bedrückend sind die Szenen, in der wir unseren Antihelden dabei beobachten, wie er sich seiner Unfähigkeit bewusst wird, ein geliebtes menschliches Wesen oder Tier vor Trauer, Krankheit oder Tod zu bewahren.


Bis zur finalen Einstellung des Films, die man entweder als sentimental-hoffnungsvollen Ausblick oder als in seiner Überzeichnung bitterbös ironischen Schlusspunkt betrachten kann, versteht weder Bubby die Welt noch verstehen wir Bubby gänzlich. Immer wieder werden amüsante Momente mit großer Tragik gebrochen, folgt auf eine neue Begegnung ein ebenso schneller Abschied. Die Handlung ist episodisch. Sie schlägt Haken, heißt neue Figuren willkommen und reißt Bubby nur Minuten später aus ihren Armen. Einerseits ist dies ein beinahe klassisches Problem von Independentfilmen wie Bad Boy Bubby, der über einen Zeitraum von mehreren Jahren produziert wurde und sich daher nicht den Luxus leisten kann, immer wieder auf die gleichen Darsteller zurück zu greifen. Andererseits kann man den konfusen Aufbau des Plots auch als Abbild von Bubbys Psyche betrachten. Immerhin betrachten wir alles durch seine Augen, weichen ihm niemals von der Seite. Und warum sollte man es dem Zuschauer einfach machen wenn es der titelgebende Protagonist so schwer hat?

Bad Boy Bubby ist uneingeschränkt zu empfehlen für alle am menschlichen Wahnsinn interessierten Filmfreunde, die sich an den teils expliziten Bildern (kein Film für Katzenfreunde!) und kleinen inszenatorischen Schwächen und narrativen Irrwegen nicht stören. Rolf de Heer und seinen furchtlosen Darstellern - und wenn ich sage furchtlos, dann meine ich furchtlos - Film ist ein faszinierendes Psychogramm; eine bitterböse Tragödie und lebensbejahende Komödie zugleich. Nicht jeder wird nach dem ersten Akt des Films noch den Wunsch verspüren, Bubby auf seinem weiteren Weg zu begleiten. Aber alle Mutigen unter euch, die die Reise wagen, wird der Film belohnen.



Die DVD für diese Rezension wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Bildstörung und ist bei Amazon und im gut sortierten Handel erhältlich.

Freitag, 29. Juni 2012

Nostalgie kann trügerisch sein...

Momentan geistert die Kunde über eine bevorstehende Blu-Ray-Veröffentlichung (am 2. Oktober 2012 in den USA) durch das Internetz, die mich für einige Sekunden in Sorge um die geistige Gesundheit großer Teile der online-affinen Menschheit versetzte. (zwei Mal "Geist" im ersten Satz... meine Rhetorik schwächelt. Und ja, das "Netz" in "Internetz" ist Absicht. Lustig, oder?) Die Rede ist vom 1987er Cannon-Kiddietrash Masters of the Universe. Warum legt sich da plötzlich voller Sorge meine Stirn in Falten? Weil ich bereits vor meinem geistigen (schon wieder!) Auge die ellenlangen Threads in diversen Foren vor mir sah, in denen kleine und große Jungs ihre Liebe zu He-Man und Co. erklären, allen Dolph Lundgren-Verweigerern en detail erläutern, warum der dänische Hüne dem Van Damme oder dem Seagal überlegen ist (Sakrileg!), und dass "der He-Man Film" sowieso einer der tollsten Sci-Fi Abenteuerstreifen der der 80er Jahre ist.

Drew Struznan-Poster lassen jeden drittklassigen Film wie ein Meisterwerk aussehen. Woah! Quelle: impawards.com

Full Disclosure: Masters of the Universe ist uninspirierter Mainstream-Müll, erdacht von zynischen Produzenten, und diente einst lediglich dem Zweck, überteuerte Plastik-Actionfiguren zu verkaufen. Lundgren ist seiner Rolle als Retter des Universums zwar körperlich gewachsen, doch sein nicht vorhandenes Schauspieltalent nebst fragwürdigem Akzent pfuschen ihm ins Handwerk. Gwildor ist ein sehr unlustiger Sidekick, neben dem selbst Jar-Jar Binks aussieht wie der König der Komödianten. Alle weiteren Charaktere werden auf eine kümmerliche Charaktereigenschaft reduziert (der verfressene beste Kumpel Duncan, dessen eifersüchtige Tocher Teela, das dümmliche Teenie-Pärchen Monica Geller und Tom Paris, der zungeschnalzende aber ansonsten planlose Oberbösewicht Skeletor, und so weiter...) und inspirieren beim Betrachten des Films höchstens zum häufigen An-die-Stirn-packen-und-Kopf-schütteln. Zudem wurden durch einen simplen Plot-Twist große Teile der Handlung von He-Mans Heimatplaneten Eternia in ein US-Kleinstädtchen des Jahres 1987 verlegt. So spart man mal eben ein paar Millionen Dollar Budget für aufwendige Sets und sonstigem Bling-Bling. Wobei dies vielleicht nicht einmal sooo verkehrt ist, wenn man die gruselige Qualität der Spezialeffekte bedenkt. Noch mehr davon und mein Herz bliebe stehen. Zitat aus der Werbekampagne für Masters of the Universe: "It's the Star Wars of the 80s." Ha!

Hat einer von euch den Scherz bemerkt? Zunge schalzen. Skeletor. Skeletor = Skelett. Get it? GET IT?!? Ach, egal. vergesst es.

*seufz!*

Um den Bogen zurück zu meiner anfänglichen Befürchtung zu schlagen, dass jeder nostalgiebesoffene Mensch/Mann zwischen 25 und 40 jetzt aufgrund der Meldung über eine HD-Jubiläums-Edition (25th Anniversary Blu-Ray Special Edition) dieses Machwerks völlig ausrastet. Was ist geschehen? Nichts. Nada. Niente. Nothing. Die Welt dreht sich weiter, kundige Nerds freuen sich auf Indiana Jones und E.T. (1982) in HD und lassen He-Man und seine tumben Gesellen links liegen. Bisher wurden keine hysterischen Facebook-Postings, in spastischer Verzückung verfasste Blogbeiträhe und lauthälsige, episch lange Threads in Foren dazu gesichtet. Hurra! Ein Sieg der Schwarmintelligenz über die Schwarmdummheit. Und sowieso, wo endet die Nostalgie und geht über in Verblendung und Dummheit?

Um die letzte Frage zu beantworten und das Thema würdig zu beschließen: wir werden diesen kleinen gedanklichen Exkurs in Form einer Podcast zum Thema Nostalgie et cetera fortführen. In zwei Wochen in diesem Blog. Bis dahin... Adios!

Freitag, 4. Mai 2012

Dreams of a Life (UK 2011) - Review

Ab und zu frage ich mich, warum es denn so viel reizvoller ist, abseits des Mainstreams nach Filmschätzchen zu buddeln als in den Multiplex-Kinosälen dieser Welt. Immerhin ist das oftmals ganz schön anstrengend und fruchtlos. Warum kann ich einen eher obskuren, gut 40 Jahre alten Superheldenfilm wie Danger: Diabolik ein Dutzend Mal ohne Ermüdungserscheinungen genießen während mich 200 Mio. Dollar All-Star-Superhero CGI-Bombast à la The Avengers kalt lässt. Einer der Gründe dafür (neben dem offensichtlichen Qualitätsvorsprung, den Diabolik vor Avengers hat), ist natürlich das gute Gefühl, eine echte Entdeckung gemacht zu haben und nun um eine cineastische Erfahrung reicher zu sein, die eine gewisse Exklusivität innewohnt. Ungleich zum medial omnipräsenten 2012er Hollywood-Blockbuster kann ich bei einer 1968er Italo-Actionkomödie ausblenden, dass mutmaßlich in vielen Teilen der Welt zehntausende anderer Filmliebhaber sitzen, die Mario Bavas Fumetti-Adaption verehren. In meinem kleinen Lohmiversum gehört der Streifen nur mir allein. My Preciousssssss!



Dreams of a Life, ein filmisches Essay der britischen Regisseurin Carol Morley, bescherte mir einen dieser exklusiven Was für eine Entdeckung!-Momente. Die Drama-Documentary (wieder ein neues Wort gelernt) erzählt vom Leben einer jungen Frau, Joyce Carol Vincent. Diese fand man im Jahr 2006 tot in ihrer Wohnung vor dem immer noch laufenden(!) Fernseher liegend, der Körper bis zur Unkenntlichkeit verrottet. Nur anhand des Abgleichs ihres Zahnabdrucks mit einem Foto, das ihr Lächeln zeigt, konnte man dem Leichnam eine Identität zuordnen. Das schockierendste Element an dieser traurigen Geschichte ist zum einen die Tatsache, dass Joyce zum Zeitpunkt des Auffindens ihres verwesten Körpers bereits drei Jahre tot war, umgeben von Weihnachtsgeschenken. Zudem wurde sie entdeckt von Mitarbeitern des Gerichtsvollziehers, der einen Räumungsbefehl für ihre Wohnung aufgrund der nicht bezahlten Miete erlassen hatte. Oder anders gesagt: nicht einer ihrer Freunde, ein Familienmitglied oder Nachbarn (die sich monate- und jahrelang nur über den modrigen Geruch, der aus Joyces Wohnung kam, wunderten), entdeckten den Leichnam, sondern ein völlig Fremder. Wie kam es dazu, dass eine junge, attraktive, sozial und beruflich erfolgreiche Frau den Anschluss zur Gesellschaft verlor und niemand ihr Verschwinden bemerkte? Dieser Frage geht Dreams of a Life nach.

Nach der Lektüre eines Sight & Sound-Interviews mit der Regisseurin, in der sie ihre Annäherung an das Thema der Dokumentation beschrieb, war ich zunächst skeptisch. Mit einer Zeitungsannonce und dem auf ein Londoner Taxi geklebten Aufruf an die Bevölkerung, dass jeder, der Joyce Carol Vincent kannte, sie anrufen möge, wollte Morley genügend Zeitzeugen erreichen, die ihr Auskunft über das Leben der unbekannten Toten geben konnten. Die recht große Gruppe an Interviewpartnern und Qualität der Gespräche, welche die Filmemacherin für ihre Dokumentation auf Film bannte, belehrten mich allerdings eines besseren: durch die Aussagen von Weggefährten - Ex-Partner, Mitbewohner, Kollegen und Freunde - entsteht vor unseren Augen das Portrait einer jungen Frau, deren Herkunft und Schicksal uns Rätsel aufgibt, und dennoch einen berührenden Einblick in ihre Seelenwelt gibt und ihr Bedürfnis, auch augenscheinlich engen Vertrauten wenig von sich preis zu geben und langfristige Bindungen zu vermeiden.

Quelle: Dreams of a Life Official Film Site (www.dreamsofalife.com)

Zu viele Details über das Leben der toten Joyce zu verraten, hieße, den Reiz der Dokumentation zu schmälern. Ebenso wie man seinen Mitmenschen nicht die Freude an einem Thriller nehmen sollte, indem man das Ende verrät, so sollte sich auch jeder Zuschauer von Dreams of a Life von den Filmemachern an die berührende Geschichte und ihre Protagonisten heranführen lassen - emotional wie intellektuell. Dies gelingt Carol Morley einerseits durch intelligent geführte und zusammengestellte Gesprächssequenzen. In diesen zeichnen ihre Interviewpartner wie z.B. Ex-Freund Martin Lister ein vorwiegend warmherziges Bild von Joyce, welches allerdings niemals in eine Art posthumer Beweihräucherung endet, da sie auch kritische Stimmen zulässt, die uns verdeutlichen, dass die junge Frau stets unnahbar und meist undurchschaubar blieb. Zum anderen sei Joyces Verkörperung durch die Schauspielerin Zawe Ashton hervorheben, die in den überwiegend wortlosen Spielszenen des Films Momente aus dem Leben der Toten darstellt, die den Zuschauer in einem Zustand zwischen Anteilnahme und Verständnislosigkeit zurück lassen. Auch hier vermeidet die Regisseurin das verkitschte Portrait eines Menschen, dessen Leben und Tod keinen Kitsch rechtfertigt.

Ein kleines Stück Leben - großartig inszeniert. Dreams of a Life ist mutiges, unkonventionelles, und vielfach preisgekröntes Doku-Kino, dem man auch hierzulande großen Erfolg wünscht. Es bleibt zu hoffen, dass der Film auch in Deutschland bald einen Verleih findet.

Freitag, 24. Februar 2012

Julia's Eyes (Los Ojos de Julia, ESP 2010) Live Review - Mal was neues...

Im Bemühen, diesem Blog eine weitere Facette zu verpassen, versucht sich heute euer werter Autor an einer Live-Rezension des spanischen Mysterythrillers Julia's Eyes von Guillem Morales. Ich werde mich dabei bemühen, den Live-Review-Ticker weitgehend Spoiler-frei zu halten. Weder kenne ich Regisseur noch Schauspieler noch Autor des Streifens - insofern ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Los geht's---

Quelle: Amazon.com


0h 04min: ein unglaublich schauriger Prolog. Kaum ein anderer Film, den ich in den letzten Monaten gesehen habe, hat mich gleich zu Beginn so gepackt. Very nice.

0h 8min: So funktioniert aber kein CD-Player ...aaaah, egal.

0h 11min: der unheimliche Nachbar Herr Blasco ängstigt unsere Protagonistin Julia und ihren Mann Isaac bei der Beerdigung ihrer Schwester. Eine 08/15-Szene aus dem kleinen Handbuch des Horrorfilms. Zwischenzeitliche Ernüchterung meinerseits.

0h 13min: huch!

0h 15min: die unheimliche late Katzenlady. Noch so ein Klischee ...seufz!

0h 21min: ein unheimliches Hospital, irre Insassen (nackt!), flackernde Neonröhren, eine Figur im Schatten. Mehr und mehr Klischees. Aber es wirkt. Will heißen: verdammt gruselig.

0h 25min: die Landstraße hinunter auf dem Weg zum Sexhotel. Wuuusch!

0h 31min: "Ich wollte dich nur vor der Wahrheit schützen." - "Welche Wahrheit?" - "Dass es keine Heilung für dich gibt!" Ta-daaa! Streit. Hysterie. Quietschende Reifen. Gute Szene.

0h 36min: Crespulo - cooler Name. Allerdings würde ich einem sinistrem Greis mit diesem Namen nicht in den dunklen Keller folgen wie es Julia tut.

0h 42min: Die Polizei glaubt Julia nicht. Zum Gähnen. Vorhersehbar.

0h 47min: Ehemann verschwunden, die letzte Spur führt in ein ranziges Motel. Ah, das gute alte Motel. Wieder so ein Thriller-Standardmotiv. Was hat das zu bedeuten? Zur Abwechslung mal echte Spannung. Oh nein, schon wieder ein dunkler Keller---

0h 49min: oh wow, das war unerwartet.

0h 56min: dramatischer kann's kaum werden für Julia - dem Wahnsinn nah, allein und gänzlich erblindet. Der mysteriöse Sozialarbeiter Iván hilft ihr sicher... oder?!?

0h 59min: die obligatorische Albtraumszene mit anschließendem Aufwachen - natürlich kreischend und schweißgebadet.



01h 05min: "Iván passt gut auf mich auf..." - wirklich? Irreführung des Zuschauers oder entpuppt sich der nette Pfleger ohne Gesicht am Ende doch noch als Held in strahlend weißer Rüstung für unsere Julia?

01h 13min: Flucht vor dem unbekannten Eindringling durch den Regen. Ist drüben beim lüsternen Nachbarn wirklich sicherer?

01h 17min: das dicke Nachbarsmädel Lía kommt ins Spiel. Noch so eine Figur mit fragwürdigen Motiven. Wem kann Julia trauen?

01h 23min: zwei fette Schocker innerhalb weniger als einer Minute. Eigentlich eher zweieinhalb. Fantastico. Mehr davon!

01h 29min: die Gruselatmosphäre weicht zunehmend einer lupenreinen Horrorthriller-Stimmung (allerdings weitgehend unblutig). Nicht ganz, was ich erwartet hatte, aber durchaus nett.

01h 33min: ausgetrickst und enttarnt. Zeit fürs große Finale.

01h 39min: alten Frauen mit Katzen ist in Thrillern einfach nicht zu trauen. Vorhersehbarer Last-Minute-Twist.

01h 41min: oh igitt!

01h 45min: Lichter aus. Da hat sich jemand ordentlich von Das Schweigen der Lämmer inspirieren lassen.

01h 49min: endet mit mehr blutigem Gekröse als gedacht.

01h 53min: ...und kitschiger als erwartet.

El Fazit: ein schöner Gruselschinken, der am Ende leider etwas weniger hält als er zu Beginn verspricht. Inszenatorisch sehr hübsch gelöst ist Julias Erblindung: mit dem Eintreten dieser zur Halbzeit des Films sieht auch der Zuschauer vorübergehend keine Gesichter mehr. Ansonsten verbrät der Film fast jedes Genrekino-Klischee, was zwischenzeitliches Augenrollen bei mir verursachte, meist aber durchaus für wohlige Suspense und Schockmomente sorgt. Schauspielerisch ist das ganze solide, und sofern man sich nicht an den zahlreichen Löchern im Plot stört - und das tun sowieso nur Spießer - kann man mit Julia's Eyes durchaus Freude haben.

Sonntag, 29. Januar 2012

Manos: The Hands of Fate - Download gratis, aber Angucken kostet dich deine Seele

Lange habe ich gebraucht, um in den zweifelhaften Genuss des - nach Aussage tausender halbgebildeter Geeks in diversen Onlineforen - schlechtesten Films seit Erfindung des Zelluloids zu kommen: Manos, Hände des Schicksals (kein autorisierter deutscher Titel, nur meinerseits mehr oder weniger frei übersetzt). Dabei gibt es das im Jahre 1966 für 20.000 US-Dollar gedrehte Meisterstück des Versicherungsmakler Harold P. Warren schon länger als kostenfreien Download bei Archive.org (eine Seite, für deren Erfindung man ebenso wie für Wikipedia gar nicht dankbar genug sein kann). Wie im Falle vieler Low-Budget Movies der 1950er und 60er Jahre (siehe Night of the Living Dead) kam auch den Macher von Manos die Erkenntnis, dass man sich die Rechte an seinem filmischen Werk sichern muss, zu spät. Sicher kein Beinbruch ob der Tatsache, dass Warrens Horror-SciFi-Streifen zum Riesenflop wurde, den sich nur ein Dutzend Menschen auf der großen Leinwand ansahen und nur unter Inkaufnahme starker Hirnschmerzen nebst drohender Erblindung zu goutieren ist.



Was man natürlich vor Betrachten dieses Machwerks berücksichtigen sollte, ist die Tatsache, dass selbst Trash Deluxe à la Plan 9 From Outer Space (1959, kein Trash!) und House of the Dead (2003, definitiv Trash!) von Uwe fuckin' Boll im Vergleich zu Manos so spaßig und unterhaltsam sind wie Independence Day (1996). Und bitte zieht bei dieser Aussage in Betracht, dass ich Independence Day für einen beschissenen Film halte.

Denkt mal drüber nach. Und legt euch eine Flasche guten Rotweins und 'ne Röhre Aspirin Direkt zurecht, bevor ihr auf Play drückt. Ich habe euch gewarnt.

Dienstag, 17. Januar 2012

Gute Remakes VS. schlechte Remakes

An dieser Stelle nur ein leicht diffuser Gedankengang, der mich während meiner heutigen Abendplanung (Verblendung von David Fincher im Kino ansehen) ereilte: sind die zahllosen Remakes der letzten Jahre - insbesondere solche von Horrorfilmen aus den 70er und 80er Jahren - nicht verschmerzbar, wenn es dieser Trend mit sich bringt, dass auch wirklich und tatsächlich und absolut legitime und im klassischen Sinne gute(!) Remakes in Hollywood gedreht werden? Kann man die Existenz neu aufgebratener Versionen von Nightmare on Elm Street, The Thing, Halloween, The Ring, My Bloody Valentine und demnächst gar Total Recall mit Colin fuckin' Farrell und Kate nothin' Beckinsale nicht durch den Trost kompensieren, den Werke wie das exzellente Coen Brothers-Remake True Grit (2010) oder Matt Reeves' ambitionierte Let the Right One In-Neuauflage Let Me In (2010) mit sich bringen?

Quelle: Overture Films

Meine wahrscheinlich unpopuläre Meinung zum Remake-Wahnsinn ist, dass 1. ein gutes Original auch ein noch so schlechtes Plagiat überlebt und weiterhin hohes Ansehen genießt. Und 2. kann ich mit der Existenz eines Dutzend grottenschlechter Copycats leben, solange nur eines davon so makellos wie 3:10 to Yuma Redux (2007, und circa zweieinhalb mal so gut wie das Original) oder die anderen zuvor genannten Streifen ist. Mein Appell an Hollywood: bitte produziert noch mehr durchdachte Remakes mittelmäßiger Originale. Und auch wenn die trashigen Neuauflagen mehr oder weniger alter Horrorklassiker niemandem weh tun: langsam reicht's. Wenn die Qualitätsstreifen der 70er und 80er abgegrast sind, droht uns am Ende sonst gar noch ein Troll 2-Reboot. Aaaaaaaaargh!


(P.S.: Ich schreibe nicht umsonst einige Filmtitel fett und andere nicht. Nur die Fetten sind die Netten, die Schmalen könnt ihr euch spa,äh,-ren)



Donnerstag, 29. Dezember 2011

Top 10 Filme 2000 bis 2009 - zweiter und letzter Teil

Es folgt der abschließende Part Deux zu meinen Top 5 der letzten Woche. Here we go...

Oldboy (Südkorea 2003)


Quelle: Amazon UK

Park Chan-Wooks Rache-Actionspektakel kam gerade zur rechten Zeit. Am Vorabend hatte ich eines des beiden Matrix-Sequels (welches?!) im dicken Multiplexkino gesehen, welches nach jahrelangem Hype nicht nur mich maßlos enttäuschte. In einem HMV (mein damaliger Wohnort war Glasgow) entdeckte ich die Oldboy-DVD und erinnerte mich an den Tipp eines Kommilitonen, ich solle mir diesen Streifen doch bloß nicht entgehen lassen. Der Hoffnung auf einen guten Film war mir gut zehn britische Pfund wert und ich wurde nicht enttäuscht: Oldboy war und ist ein cineastischer Schlag in die Fresse und beweist, dass das Genre des Rachethrillers, welches man zuletzt im US-Kino der 60er und 70er Jahre in voller Blüte erleben durfte, noch voll im Saft steht. Ein brillanter Regisseur, ein furchtloser Schauspieler (Choi Min-Sik, einfach großartig!), das zynisch-verstörende Drehbuch und genug visuelle Einfälle für mindestens hundert konventionelle Actionthriller bescherten uns den besten und verstörendsten Thriller der 2000er und etablierten Südkorea als neue Heimat des Revenge Movie. Gratulation!


Synecdoche, New York (USA 2008)


Charlie Kaufman, Mastermind hinter den Drehbüchern zu Being John Malkovich (1999), Adaptation (2002) und Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) ließ sich Zeit mit seinem Kinodebüt. Erst mit 50 Jahren besetzte er Philip Seymour Hoffman als Midlife Crisis-geplagten Theaterregisseur Caden Cotard, der inmitten eines immer größer und komplexer werdenden Theaterstücks sich selbst und die Menschen, mit denen er sein Leben teilt, verliert und wieder findet und verliert und wieder findet. Synecdoche, New York spielt genau wie Kaufmans andere Drehbücher mit doppelten narrativen Böden und schafft somit Geschichten, die einem immer wieder selbigen unter den Füßen wegreißen. Sein Regiedebüt ist die Perfektionierung dieser Erzählform, ein postmodernes Verwirrspiel epischen Ausmaßes und dabei doch ungewöhnlich berührend. Weniger ein Film als vielmehr ein Erlebnis, das man mehrfach erfahren muss, um es gänzlich zu erfassen.


Dancer in the Dark (SWE/F/UK/D/DEN 2000)




Lars von Triers schönster Film (bis Melancholia, 2011) und zudem der berührendste. Zwar hatte ich schon einige Jahre zuvor Hospital der Geister und Breaking the Waves (1996) im Nachtprogramm eines Dritten Programms gesehen, doch empfand ich erstere Serie eher als charmant-intellektuelle Fingerübung und letzteren Film als zu kalkuliert die Tränendrüsen bedrückend. Dancer in the Dark hingegen ist pures Gefühl ohne Zynismus, ein hochemotionaler Mix aus Musik, Schauspiel und einer Inszenierung, die dem Zuschauer kaum Platz zum Atmen lässt; ihm die Chance zur Flucht verwehrt. Meines Wissens nach auch der letzte Film, in dem von Trier seine Hauptdarstellerin und sich selbst seelisch bis an die Grenzen des Erträglichen aufrieb, um das Leiden seiner Protagonistin Björk, äh, Selma in Bilder zu fassen. Diese Hingabe spürt man in jeder Einstellung. Ein Film, der weh tut. Muss auch mal sein.


Startup.com (USA 2001)


Nach einem guten Jahrzehnt hat der Dokumentarfilm von Chris Hegedus und Jehan Noujaim nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Startup.com beweist, dass sich Geschichte endlos wiederholt. Die Entwicklung eines kleinen Online-Dienstleisters mit einer Handvoll Mitarbeitern zu einem hundert Millionen Dollar schweren Unternehmen und direkt danach in die Pleite innerhalb eines schockierend kurzen Zeitraums von weniger zwei Jahren klingt sehr nach einer Geschichte, die auch aus dem Jahr 2011  oder darüber hinaus stammen könnte. Lerneffekt garantiert. Und wem das alles zu trocken klingt, der sei mit dem Versprechen meinerseits beruhigt, dass Startup.com unglaublich unterhaltsam ist und letztendlich mehr über zwischenmenschliche Dynamiken aussagt als über die Entwicklung von Unternehmensumsätzen. Ich liebte Startup.com bereits, als ich noch Bücher über Mark Twain in der Uni wälzte und noch nicht einmal wusste, was "Dotcom-Crash" und "Startup" bedeuten. Zehn Jahre später gefällt mir Hegedus' und Noujaims visionärer Doku noch mehr. Dafür steht sie hier.


Ghost World (USA 2001)


Quelle: United Artists

Unglaublich gutes, sentimental-sarkastisch-witziges Coming-of-Age-Drama von Regisseur Terry Zwigoff (Crumb, 1994, ganz nebenbei der beste Dokumentarfilm der 90er Jahre). Vielleicht liegt es an ihm, vielleicht an der Vorlage von Dan Clowes, dass sich alle Charaktere in Ghost World wie alte, verschrobene Menschen verhalten, obwohl es sich überwiegend um Highschool-Mädels und Nerds um die 40 handelt. Der Film ist diesbezüglich wie eine bessere Version von Juno (2007) und ebenso gewöhnungsbedürftig insofern, dass sich niemand altersgemäß benimmt und die Leben der Filmfiguren überwiegend von Sinnsuche in alten Schellack-Platten und obskuren Sammlerobjekten bestimmt werden. Damit trifft das Werk aber zumindest genau meine Sensibilität, rührt und belustigt mich immer wieder zu Tränen. Dass Hauptdarstellerin Thora Birch und Zwigoff nach diesem Film nicht zu Weltstars wurden, betrachte ich mal als Unverschämtheit. Immerhin Scarlett Johansson hat es geschafft. Ungerechte Welt.



In Kürze: Runner-Ups aka Filme, die es fast(!) in meine 2000er Top 10 geschafft hätten und eigentlich(!) ebenso gut oder eben fast(!) so gut sind wie die oben genannten Streifen. Stay tuned!

Montag, 8. November 2010

Frozen - Eiskalter Abgrund (aka endlich mal eine ansehliche Video-Premiere!)

Der Abgrund in Frozen - Eiskalter Abgrund ist nicht nur eiskalt, sondern der Schnee darauf auch bretterhart und im den Wäldchen darum lauern fiese Wölfe. Autsch! Ob das Ganze jetzt wirklich sooo nah an der Realität ist oder ob tatsächliche Wölfe nicht doch ein bisschen weniger angriffslustig und echte Menschen weniger widerstandsfähig als hier gezeigt sind, das soll hier nicht thematisiert werden. Oder doch?

Quelle: amazon.com

Traurige Wahrheit ist: leider, LEIDER hat es meiner Wenigkeit weitaus besser gefallen als meiner Liebsten, die sich an mangelndem Realismus und den nervigen Teen-Protagonisten stieß. Mir wiederum gefiel's. Nun ja, eine kleine Diskussion später einigten wir uns auf das diplomatische to each his own und ließen die thematisch heiße Kartoffel fallen nachdem ich einsah, dass Frozen wohl tatsächlich besser im Rahmen eines Videoabends mit leicht alkoholisierten Kumpels genossen werden sollte als mit der Freundin.

Die steht übrigens auch auf Diabolik. Immerhin, da treffen sich unsere Geschmäcker wieder. Yay! Ich kann beruhigt zu Bett. Gute Nacht zzzzzzzzzzz---

Donnerstag, 4. November 2010

Salò, oder die 120 Tage von Sodom - Darf ich den überhaupt rezensieren?

Wenn es keine Gesetze mehr gäbe - wie weit würde ich gehen?

© flickR/TiVo_epaper

Pier Paolo Pasolinis letzter Film Salò beschäftigt sich mit der Macht in ihrer radikalsten Form: Der bedingungslosen Macht über Leben und Tod in einem Umfeld, in dem alle Gesetze aufgehoben sind. Der Film, eine lose Adaption des Sade-Romans Die 120 Tage von Sodom, darf als Reaktion des Filmemachers und Kommunisten Pasolini auf neofaschistische Tendenzen der frühen Siebziger (in Italien, Frankreich, Holland) verstanden werden. Aber das ist nicht die einzige Ebene, auf der Salò funktioniert. Denn Pasolini beabsichtigte mit seinem kontroversen Streifen gleichzeitig eine dezidierte, radikale Konsumkritik. Man wird kaum bestreiten können, dass ihm beides gelungen ist - weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus.

Sehr weit.

Zu weit?

Die Mehrzahl der Menschen, die Salò kennen -ob jung oder alt, Männlein oder Weiblein- sagen von sich, sie können diesen Film beim besten Willen nicht ansehen. Ähnliches hört man ja oft genug, sei es über Hanekes Gute Laune-Kino à la  Funny Games oder Bennys Video, das Drogendrama Requiem for a Dream, oder Kubricks schröcklich prophetisch-psychödelischen A Clockwork Orange. Salò nun ist der erste Film, bei dem ich einsehe, dass er die Grenze dessen, was ein Zuschauer vertragen kann, tatsächlich überschreitet: Ob Ihr euch das diese derbe kinematische Festivität nun anseht oder auch nicht, bleibt natürlich euch überlassen. (*hüstel hüstel* ...da ich nicht über die Rechtslage informiert bin was indizierte Filme betrifft, möchte ich hier auch bloß nichts bewerben. HimmelherrgottjosefundmariaABER-NICHT-DOCH NIE UND NIMMER!!).

In ihrer Dialektik der Aufklärung entdeckten Horkheimer und Adorno das Wechselspiel zwischen faschistisch-mythischen Ideen und der (vermeintlichen) Rationalität der Aufklärung - sie entdeckten, quasi in Bezug auf den Faschismus wofür der Marquis de Sade steht: Die dunkle Seite der Aufklärung. Die Möglichkeit, sich mittels rationeller, selbstbezogener Ideen aller Werte und Normen zu entledigen. Salò oder die 120 Tage von Sodom ist die filmisch radikalste Umsetzung dieses Konzepts, die es je gegeben hat.


Demnächst in einem Programmkino in eurer Nähe. Kotztüte gibt es gratis dazu.

Sonntag, 22. Februar 2009

Black Christmas (CAN 1974) Review [R2]

Mit Olivia Hussey, Margot Kidder, John Saxon, Keir Dullea u.a.
Musik: Carl Zittrer
Kamera: Reg Morris
Buch: Roy Moore

Regie und Produktion: Bob Clark


Immer wieder stößt man in Programmkinos, beim Durchforsten von DVD-Katalogen, Videotheken oder Besuch von Filmbörsen auf den ein oder anderen Genrefilm, der nur ob seines obskuren Poster-Artworks auffällt und bestenfalls einen Gedanken wie „Den Titel habe ich doch irgendwo schon mal gehört…“ auslöst. Zugegeben, der Großteil dieser Machwerke entpuppt sich als hoffnungslos drittklassige Action- oder Horrorgülle, doch immer wieder findet sich auch ein Juwel inmitten eines Haufen von wertlosem Tand. Und im Vergleich zur Situation vor nur zehn Jahren, als man an delikaten Euro-Horror, Spaghetti-Western und Kung-Fu Flicks fast ausschließlich mittels Import von überteuerten Laserdiscs und Videos aus obskuren Quellen gelangte, finden sich heute sogar wenig bekannte Kultstreifen wie Black Christmas in schicker Aufmachung und mit hochwertigem Bonusmaterial bedacht in den Regalen großer Kaufhaus- und Supermarktketten wieder. Natürlich wird es noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen, bis auch wirklich jeder kuriose Titel dort zu finden sein wird... aber nur ein wenig Geduld, und wir werden wahrscheinlich schon bald Umberto Lenzis Werke im Lidl um die Ecke wiederfinden. Und ja, meine Freunde, der Sammlermarkt ist tot. Aber mal ehrlich: Wer trauert wirklich den Zeiten nach, als man die für $150 erworbene(n) Laserdisc(s) seines Lieblingsfilms ein bis viermal wenden musste, um zum The End zu gelangen? Und wer erinnert sich wirklich mit nostalgischen Sentiments an das Bootleg-Tape des gerade angesagten Zombie- oder Barbarenfilms, dessen verwaschenes Bild und verrauschter Ton inklusive der ein Drittel des Bildschirms füllenden transsilvanischen Untertitel das Sehvergnügen auf ein Minimum reduzierten? Nun, ich jedenfalls nicht.

Wo waren wir? Ach ja, bei einem kleinen kanadischen Film namens...





In einer gerechten Welt wäre Bob Clarks Weihnachtshorror ebenso populär wie der vier Jahre später erschienene (und technisch ausgereiftere) Halloween (1978). In beiden Filmen geht es um einen mysteriösen Killer, der jungen Frauen bevorzugt nachts in ihren Wohnräumen auflauert, um sie dann kaltblütig zu meucheln. Haben wir es in John Carpenters Film mit High School-Schülerinnen zu tun, hat sich der Mörder in Black Christmas in einer College-Schwesternschaft eingerichtet und startet von seinem Hauptquartier auf dem Dachboden allerlei fiese Morde. Warum gerade an Weihnachten? Wieso gerade in diesem Haus? Und weshalb kommt niemand auf die Idee, mal in den Dachstuhl zu klettern, um nach den verschwundenen Studentinnen zu suchen, die dort tage- und wochenlang vor sich hinschimmeln? Wer Logik erwartet, wird von diesem atmosphärischen und amüsanten Streifen sicher enttäuscht werden. Vielmehr sind es die bemerkenwerte Kameraarbeit und Ausleuchtung, die bereits Jahre vor Halloween mittels perfidem Schattenspiel und bedrohlich wirkenden Point-of-View-Einstellungen aus der Sicht des Killers stilistische Merkmale etablierte, die sich noch Jahrzehnte später in jedem guten und weniger guten Horrorfilm wiederfinden.



Das zweite Standbein, auf dem Black Christmas sorglos ruhen kann, sind die hervorragenden Darsteller. Natürlich sind alle Klischee-Charaktere, die man in College-Komödien und Horrorstreifen von Animal House (1982) über Porky's (1978, ebenfalls unter der Regie von Bob Clark) bis Scream (1996) so anzutreffen erwartet, auch hier vertreten. Da ist der äußerst nervöse und um den Verbleib seiner Tochter besorgte Vater (James Edmond), die alkoholkranke und leicht bescheuerte Hausmama der Schwesternschaft (Marian Waldman), und der nicht allzu smarte aber knallharte Cop (John Saxon), der aus Gründen der Dramatik einer Ergreifung des Killers über weite Strecken des Films kein Stückchen näher kommt. Und vergessen wir nicht unsere Studenten: Da wäre Jess (Olivia Hussey), unsere sympathische Protagonistin, die praktischerweise mit dem psychisch labilen und damit als Mordverdächtiger agierenden Peter (Keir Dullea) liiert ist. Ihre beiden besten Freundinnen sind die lüsterne und mit ihrem Vokabular selbst dem grimmigsten Piraten Konkurrenz machende Barbie (Margot Kidder), und Phyllis (Andrea Martin), die nette, leicht furchtsame Sidekick-Brillenschlange. Alle Darsteller bieten äußerst überzeugende Leistungen. Olivia Hussey hebt sich wohltuend von den hysterischen 08/15 Scream Queens schlechterer Horrorfilme ab. B-Film-Legende John Saxon schlafwandelt zwar durch seine nicht besonders fordernde Rolle als Polizist, schlägt sich aber wacker. Insbesondere Margot Kidder, geliebt und verehrt als Lois Lane und für ihre beeindruckende Leistung in Brian De Palmas Sisters (1973), ist superb als Jess' freigeistige Freundin, als welche sie so ziemlich jedes anzügliche Wort in der englischen Sprache äußern darf und nur in einer Szene von einem in Beisein von Kindern derbe fluchenden Nikolaus an die Wand gespielt wird ("Ho Ho Ho... fuck!" - "Isn't Santa naughty?").



Black Christmas ist eine Kuriosität in der von mittelmäßigen und teils unterirdischen Komödien geprägten Karriere Bob Clarks. Mit Filmen Baby Geniuses 2 und Karate Dog (beide 2004) dürfte der nicht übermäßig talentierte Regisseur wohl auch das letzte Fünkchen Respekt unter Kritikern und Fans zum Grabe getragen haben. Nichtsdestotrotz muss man ihm zu einem Werk wie Black Christmas gratulieren. Hier schafft er es, mit einem Minimum an blutigen Effekten, Sets und Drehzeit einen athmospärisch dichten Thriller zu kreieren, der in seinem vergnüglichen Zusammenspiel von Humor und Grauen Hitchcock-Klassiker wie Psycho (1960) und Werke Mario Bavas in Erinnerung ruft, gleichzeitig aber aufgrund innovativer Kameraarbeit und gut aufgelegter Darsteller genug Neues bietet, um auch kritische Genrefans milde zu stimmen.



Bild:
Ja, Black Christmas wurde auf preiswertem 16mm geschossen. Nein, eine Restauration des Filmmaterials fand nicht statt. Ja, das Bildmaterial ist etwas verwaschen, dunkel und der Transfer leidet gelegentlich unter digitalen Artefakten. Nein, Black Christmas kann eurer Star Wars-DVD nicht den Status als Referenzdisc streitig machen. Ja, die Bildqualität ist für einen Low Budget-Films dieses Alters echt in Ordnung. Nein, der Film liegt trotz eines Formats von 1.66:1 nicht anamorph vor. Insgesamt durchaus zufriedenstellend.

Ton:
Der Ton liegt in Englisch (2.0 mono) und Deutsch (2.0 mono und DD5.1) vor. Benötigen wir Sechskanalton für einen über 30 Jahre alten Horrostreifen? Wahrscheinlich nicht. Dennoch, der Remix ist gelungen, obwohl sich Stereo- und Surround-Effekte auf ein Minimum beschränken. Der englische O-Ton klingt etwas klarer und wird hiermit den wahren Fans ans Herz gelegt. Allen Synchro-Guckern sei aber versichert, dass auch die deutsche Version den Öhrchen mundet.

Untertitel:
Untertitel stehen zur Verfügung in Deutsch.

Extras:CAPELIGHT hat für seine Veröffentlichung nicht nur den Transfer der amerikanischen Critical Mass-DVD übernommen, sondern auch einen Teil des Bonusmaterials. Verzichten müssen wir auf weitere Interviews und alternative Eröffnungssequenzen, aber das hier vorliegende Material ist auch nicht schlecht. Bob Clarks Audiokommentar klingt unaufgeregt und nostalgisch, vermittelt aber genug nützliche Infos, um den Zuhörer nicht versehentlich in den Schlaf zu wiegen. Der zweite AK mit John Saxon und Keir Dullea ist weniger gut, da er nie eine Eigendynamik entwickelt (die beiden Sprecher wurden separat aufgenommen) und kleine Brocken an interessantem Material nur sporadisch auftauchen. Die ca. 40-minütige Doku Black Christmas Revisited ist zwar bemüht charmant und interviewt viele der Darsteller, den Produzenten und Regisseur, wirkt aber etwas billig und verbringt zuviel Zeit mit der Wiederholung von Filmclips. Ach ja, Kinotrailer und Fernsehspots gibt's auch noch.

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Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend (für Fans klassischer Slasher-Filme) / Gut (für den Rest der Bevölkerung)
Bild: Gut (1.66:1 widescreen)
Ton: Sehr gut (DD 5.1; 2.0 mono)
Extras: Gut (Audiokommentare von Bob Clark, John Saxon & Keir Dullea, Dokumentation , Kinotrailer und TV-Spots)

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Danger: Diabolik (I/F 1968) - Review [R1]

Mit John Phillip Law, Marisa Mell, Michel Piccoli, Adolfo Celi, Terry Thomas u.a.
Musik: Ennio Morricone
Kamera: Antonio Rinaldi
Produktion: Dino De Laurentiis, Bruno Todin
Buch: Mario Bava, Brian Degas, Tudor Gates, nach Diabolik von Angela und Luciana Giussani
Regie: Mario Bava



Mario Bavas Ausflug in die Welt der Comics (it. Fumetti) ist ein immens vergnügliches Juwel des europäischen Films der 60er Jahre. Erstmals veröffentlicht wenige Jahre nach dem Erfolg der französischen Fantomas-Verfilmungen und kurz nach dem Start der verkitscht-albernen Batman-Fernsehserie mit Adam West, markiert Danger: Diabolik zusammen mit dem fast gleichzeitig erschienenen Barbarella (1968) den Höhepunkt des Comicfilm-Booms dieser Ära. Basierend auf den damals (und bis heute) in Italien sehr populären Fumetti von Angela und Luciana Giussani inszeniert der Maestro des Horrors einen herrlich überdrehten Trip in eine Welt voller größenwahnsinniger Schurken, trotteliger Polizisten und sexy Mädels.

John Phillip Law spielt Diabolik, einen genialen Meisterdieb, der sich ebenso wie viele Bond-Bösewichter nicht mit Kleinigkeiten wie Handtaschenraub und simplen Banküberfällen zufrieden gibt, sondern die Herausforderung sucht. In der Eröffnungsszene sehen wir ihn beim Raub des (wie ein Charakter kurz zuvor betont) "größten Barvermögens, das jemals auf öffentlichen Straßen transportiert wurde". Doch dies dient nur als Appetizer für Diaboliks spätere Coups, die an Finesse, Dramatik und Actiongehalt stetig zunehmen. Böse Zungen würden behaupten, seine Geliebte und Komplizin Eva (Marisa Mell) sei es, die ihn dazu antreibt, sein Leben wieder und wieder für Unmegen an Barem und Juwelen auf's Spiel zu setzen. Geld scheint das ultimative Aphrodisiakum in dieser Beziehung zu sein, der erst in den letzten, tragikomischen Momenten des Films eine gewisse Ernsthaftigkeit zuteil wird.

Alle Coups des zum Helden stilisierten Kriminellen bereits hier zu nennen wäre dem erstmaligen Sehgenuss dieses Streifens sicher nicht zuträglich. Der materielle Schaden, den Diaboliks Gegener erleiden müssen (ganz zu schweigen von mutmaßlich tausenden Menschenleben, die in einer kurzen, wahrhaft diabolischen Sequenz ausgelöscht werden), ist jedenfalls enorm und nur der Charme der Charaktere und Hauptdarsteller hält uns davon ab, Eva und Diabolik nicht als kaltblütige Terroristen sondern als sympathische Antihelden zu akzeptieren. John Phillip Law bietet als titelgebender Held eine starke darstellerische Leistung indem er seine Gestik und Mimik während seiner zahlreichen Streifzüge ins comichafte überhöht und in den ruhigeren Momenten des Films kalt, beinahe stoisch wirkt. Die kühle Fassade Laws schmilzt allein in den romantischen Momenten mit Marisa Mell dahin, die bis zur Halbzeit des Films größtenteils als erotische Staffage dient und erst später aktiver in die Handlung eingreift. Ihre einfallsreich gestalteten Kostümchen enthüllen jedenfalls mehr als sie verbergen und Mell trägt sie lasziv aber immer würdevoll zur Schau. Und mehr Tiefgang in der Charakterisierung wäre in einem Comic-Spektakel wie Danger: Diabolik auch wirklich fehl am Platz.


Technisch versiert von Mario Bava (der auch am Drehbuch mitschrieb) in Szene gesetzt bietet Danger: Diabolik einen Vorgeschmack auf die überbordende Comic-Ästhetik Barbarellas und Mike Hodges' Flash Gordon. Man tut diesem actiongeladenen und mit wunderschönen Matte Paintings und einigen weniger wunderschönen Rückprojektionen geadelten Werk beinahe Unrecht, wenn man sein Budget von nur $400.000 nennt. Tatsächlich sieht man dem Film in fast keinem Augenblick die sparsame Hand Bavas an, der in den Jahren vor Danger: Diabolik bereits zahlreiche Horrorfilme mit einem Bruchteil dieses Betrags vollendet hatte. Neben Spezialeffekten, Verfolgungsjagden per Auto, Zug und Helikopter bleibt ihm aber immer noch Zeit für den ein oder anderen klassischen Bava-Moment, so z.B. als er eine denkwürdige Nahaufnahme von Christopher Lees nach seiner Geliebten greifenden Hände in La Frusta e il Corpo beinahe 1:1 wiederverwendet. Die Beteiligung Ennio Morricones kam durch den einflußreichen Produzenten Dino De Laurentiis zustande und sein Score verleiht dem Film eben den finalen Touch, der Danger: Diabolik aus der Obskurität hervorhebt und ihn hoffentlich bald so populär macht, wie es ihm zusteht. Morricone steuert eine leichtfüßig verspielte Begleitmusik bei, deren kurze doch prägnante Melodien zum Mitsummen verlocken. Und der Titelsong Deep Deep Down dürfte jedem, der den Film gesehen hat, noch für viele Wochen in den Gehörgängen nachklingen.



Bild:Das Bild wurde zwar nicht restauriert, die vorhandenen Filmelemente liegen aber in bestmöglicher Qualität vor. Einige Einstellungen mit Spezialeffekten weisen starke Verunreinigungen auf, für einen Film dieses Alters ist die Videoqualität insgesamt jedoch erstaunlich gut und der DVD-Transfer nahezu perfekt.

Ton:
Die hier vorliegende englische Tonspur in mono 2.0 wird zwar keinen Surroundfetischisten vom Hocker reißen, bietet aber adäquate akkustische Begleitung für einen Film dieses Alters. Die Synchronisation ist weitestgehend gelungen und erspart sich krampfhaft witzige comic voices für die Nebendarsteller, wie sie offensichtlich bei der Erstveröffentlichung Verwendung fanden. Da sich die Hauptdarsteller selbst synchronisierten ist auch die Nichteinschließung des italienischen Soundtracks verzeihlich.

Extras:
Der Audiokommentar mit Hauptdarsteller John Phillip Law und Bava-Experte Tim Lucas ist amüsant und hält gekonnt Balance zwischen dem Erzählen von Anekdoten und der Vermittlung technischen Know-Hows. Die sehr amüsante und informative Doku From Fumetti to Film erzählt mit Hilfe von Comic-Historikern und prominenter Fans die Entstehungsgeschichte Diaboliks und enthält sogar Interviews mit Produzent De Laurentiis und Ennio Morricone. Der Kinotrailer verrät wieder mal viel zu viel über den Plot und das von Danger: Diabolik inspirierte Musikvideo Body Movin' der Beastie Boys (mit optionalem AK von Adam Yauch) rundet ein liebvoll zusammengestelltes Set an Extras ab. Ein Bravo! an Paramount für diese vorbildliche DVD-Umsetzung.



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Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend
Bild: Sehr gut (1.85:1 anamorphic widescreen)
Ton: Sehr gut (Englisch DD 2.0 mono)
Extras: Sehr gut (Audiokommentar von John Phillip Law und Tim Lucas, Dokumentation, Kinotrailer, Musikvideo)

Dienstag, 9. Dezember 2008

Aussie Hell: THE PROPOSITION (2006)

Mit leichter Verspätung nun ein kurzer Blick auf eines DER Kinohighlight der vergangenen Jahre: The Proposition (welches in seiner Ozzi-Heimat bereits Ende 2005 premierte).


Der Gedanke, dass sich bisher kein deutscher Verleih für den zynischen Western aus dem Lande Oz gefunden hat, erstaunt mich doch sehr. Oder vielleicht auch nicht. Immerhin ist John Hillcoats auf einem Drehbuch von Rockbarde Nick Cave basierender Film eine höchst pessimistische und brutale Angelegenheit. Auf der Mission, seinen jüngeren Bruder aus den Klauen des erbarmungslosen Captain Stanley (Ray Winstone) zu retten, hinterlässt der wegen Vergewaltigung und Raubmord angeklagte Charlie (Guy Pearce) ein Blutbad im Outback. In kontrastreichen Bildern fangen Regisseur Hillcoat und sein Kameramann Benoît Delhomme die unerträgliche Hitze und den omnipräsente Geruch von Tod und Verwesung im australischen Outback des späten 19. Jahrhunderts ein. Caves Drehbuch ist dabei ein Musterbeispiel an wortkarger Effizienz. Alle Charaktere reden nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt und bewahren dadurch ihre Härte und rätselhafte Aura. Allein die wunderbare Emily Watson in der Rolle der Frau Captain Stanleys bringt kurzzeitlich auch etwas menschliche Wärme in den hitzigen Film. Doch auch sie muss in den finalen Momenten erkennen, das für Mitgefühl und Leidenschaft kein Platz ist in dieser Welt, in der allein ein Revolver und eine schnelle Hand über Leben und Tod entscheiden.


Bleibt zu hoffen, dass dieses mit Preisen überhäufte und prominent besetzte (u.a. mit Danny Huston, David Wenham und John Hurt in einer kleinen Paraderolle) Werk auch bald in Deutschland auf die Leinwände der Lichtspielhäuser gebracht wird. Das bisher im internationalen Kino nur eine Randexistenz führende Aussie Cinema hätte es dringend nötig und mit diesem wahren Meisterwerk auch sicherlich verdient.

Freitag, 28. Dezember 2007

Freaks - Missgestaltete (USA 1932) - Review [R2]

Mit Olga Baclanova, Wallace Ford, Leila Hyams u.a.
Kamera: Merritt B. Gerstad
Buch: Willis Goldbeck und Leon Gordon, nach Tod Robbins’ Kurzgeschichte Spurs
Regie und Produktion: Tod Browning




Freaks beunruhigt in seiner authentischen Darstellung des Alltags in einem fahrenden Kuriositätenkabinett bzw. Wanderzirkus noch heute. Kaum vorzustellen kann man sich, was für ein Aufschrei durch die Reihen der Zuschauer und Kritiker ging, als Tod Brownings Film 1932 erstmals veröffentlicht wurde. War es vor über 70 Jahren Ekel und Abscheu, die in weniger politisch korrekten und von größerem Unwissen über soziale Randgruppen geprägten Zeiten ein großes Kinopublikum fernhielten, so ist es heute die ungeschminkte Fremdartigkeit und Frivolität, die das Werk wohl für immer zu einem dunklen, staubigen Platz in der Videothek Ihres Vertrauens verdammt. Wie viel schockierender und vielschichtiger Freaks in seiner 90-minütigen Originalfassung war, darüber können wir heute nur noch spekulieren. Was uns bleibt ist der einstündige Blick in eine fremde und doch so nahe Welt durch die Augen eines der begnadetsten Regisseure der Stummfilmära.

Nur der außergewöhnliche Erfolg von Universals Dracula (1931) mit Bela Lugosi und sein damit kurzzeitiger Status als Golden Boy des Horrorfilms machte es Browning möglich, seine Freakshow so kompromisslos in Szene zu setzen, dass sie selbst nach rigorosen Kürzungen durch M-G-M und dem nachträglich hinzugefügten, bemüht versöhnlichen Happy End, immer noch so verstörend wirkt. Der Effekt beruht vor allem auf dem beinahe dokumentarischen Charakter der ersten Hälfte des Films, in der uns eine Unzahl an menschlichen Kuriositäten vorgestellt werden, teils sensibel porträtiert und zuweilen nur auf Running Gags auf zwei (oder gar keinen) Beinen reduziert. Da gibt es Stecknadelkopf Schlitzi, den lebenden Torso Prinz Randian, die Vogelfrau Koo Koo, das wandelnde Skelett, Kleinwüchsige, eine bärtige Dame, siamesische Zwillinge und diverse Protagonisten, die an akutem Gliedmaßenmangel leiden. Browning setzt sie alle ins Rampenlicht, manche in anrührenden Momenten – wie beispielsweise Schlitzis Zusammentreffen mit Zirkusclown Phroso (Wallace Ford), der sie (bzw. ihn, denn Schlitzi ist im wahren Leben ein Mann) mit Komplimenten über ihr neues Kleid überhäuft – oder auch nur als pointierter Scherz am Rande, wie z.B. eine kurze Szene, in welcher der bärtigen Dame kurz nach der Geburt ihrer Tochter zu deren ausgeprägter Gesichtsbehaarung gratuliert wird. D’oh!


Der für einen Großteil der Laufzeit des Films in den Hintergrund gerückte Plot des Films dreht sich um den kleinwüchsigen Hans (Harry Earles) und dessen Liebe für die hochgewachsene Schönheit Cleopatra (Olga Baclanova), die sich zunächst nur über die Avancen ihres Verehrers lustig macht und ihn nach Erkenntnis seines einer Erbschaft entstammenden Reichtums um selbigen bringen will. Dazu schmiedet sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber Roscoe (Roscoe Ates) den Plan, den kleinen Mann zu ehelichen und ihn kurz darauf mittels Gift zu ermorden, sein Vermögen abzusahnen und dem Zirkusleben damit endgültig Lebewohl zu sagen. Wie für einen Horrorfilm angemessen zieht sie diesen Plan natürlich nicht kühl-kalkuliert durch sondern legt sich immer wieder mit ihren missgestalteten Kollegen („Dirty, slimy… Freaks!“) an und trägt ihre maliziösen Motive wenig verborgen zur Schau. Als auch der Letzte aus der Gruppe der "Freaks" ihre wahren Absichten durchschaut hat, nehmen die Deformierten grausame Rache.

Weniger als der für das Horrorgenre eher typische Plot ist die Machart des Films. Der Verzicht auf gruselig-monströses Makeup und Hollywoodstars zugunsten eines pseudo-realistischen Dokumentationsstils bietet einen ungeschönten Einblick in den realen Alltag von Randexistenzen unserer Gesellschaft, die sich trotz oder gerade aufgrund körperlicher Behinderungen in ihrem Alltag behaupten können und in ihrer eigenen kleinen Welt des Browning’schen Zirkus menschlicher handeln als ihre makellosen Zeitgenossen. Egal ob im Alltagsleben oder während des expressionistisch inszenierten Heiratsbanketts, es sind immer die augenscheinlich normalen Menschen, die sich als die wahren Monster in Brownings düsterer Fabel entpuppen. Cleo und Roscoe flüchten sich in überbordende Gehässigkeit und theatralische Gesten während ihre missgestalteten Mitmenschen in ihrem Handeln ungekünstelt und damit verletzlich erscheinen. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das authentische Spiel der „Freaks“, die überwiegend Amateure sind und weniger eine Rolle spielen als vielmehr sich selbst. Schauspielprofis wie das reizende Zwillingspaar Daisy und Violet und der beinlose Johnny Eck sind die Ausnahme in einem Ensemble, in dem viele Darbietungen erstaunlich authentisch wirken. Insbesondere die Gruppe der an Mikrocephalie leidenden Pinheads um Schlitzi ist immer wieder erstaunlich in ihrer Zurschaustellung von offensichtlich realer Angst, Freude und Wut.


Dass Browning das Zirkusleben teils schamlos exhibitionistisch porträtiert und sich einer trügerisch dokumentarischen Erzählweise bedient ist moralisch sicherlich fragwürdig, damals wie heute. Ähnlich fragwürdig ist auch der Entschluss der M-G-M-Studiobosse, dem bitterbösen Ende des Films einen Epilog zu verpassen, der die Rachehandlungen der Missgestalteten indirekt verurteilt. Puristen dürfen ohne Gewissensbisse die letzten zwei Minuten des Films übersehen, da sie lediglich den verzweifelten Versuch damaliger Sittenwächter und um Einspielergebnisse besorgter Produzenten widerspiegeln, aus einem erschreckend perfiden, nihilistischen Genrefilm ein glatt gebügeltes Stück Kommerzkino zu kreieren. Der Versuch misslang, das finanziell desaströse Abschneiden an den Kinokassen bereitete Brownings Karrierehoch ein abruptes Ende, und Freaks genießt auch heute noch in vielen Kreisen den Ruf eines verruchten, ethisch fragwürdigen Films. Nicht immer ein Sehgenuss, aber ein wichtiges Stück Hollywoodgeschichte, das in keiner gut sortierten Filmbibliothek fehlen sollte.

P.S.: Anscheinend bestehen bis zum heutigen Tag Bedenken über die filmhistorische Relevanz dieses Werks. Anders lässt sich die Umtaufe von Freaks in das politisch korrekte Missgestaltete im Rahmen der deutschen Veröffentlichung kaum erklären.


Bild:
Warner präsentiert Freaks in bestmöglicher Bildqualität. Abgesehen von kleinen Verunreinigungen und einigen Bildsprüngen ist der Transfer hervorragend. Der unnötige Epilog mit Hans und Frieda leidet unter zu hohem Kontrast und Unschärfe, ist aber die einzige Schwachstelle eines ansonsten visuell vorbildlich präsentierten Films.

Ton:Die einzige Tonspur ist der englischsprachige Originalsoundtrack in mono. Die Tonqualität ist überwiegend in Ordnung, klingt aber altersgemäß recht blechern und damit gelegentlich unverständlich. Der Griff zur Fernbedienung zwecks Aktivierung der Untertitel wird wohl kaum jemandem erspart bleiben.

Untertitel:
Untertitel stehen zur Verfügung in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Türkisch, Griechisch, Portugiesisch, Tschechisch, Ungarisch, Holländisch, Arabisch und Bulgarisch. Alle Extras (mit Ausnahme des Audiokommentars) sind ebenfalls untertitelt.

Extras:Der nach Einführung des Production Codes im Jahre 1934 kreierte, moralinsaure Prolog des Films, der uns vor den Abnormitäten des Films warnen soll, ist ein interessantes Stück Zeitgeschichte. Gleiches gilt für die drei alternativen Schlusssequenzen, die von David Skal kommentiert werden. Der Filmhistoriker, dessen Tod Browning-Biographie Pflichtlektüre für alle Fans des klassischen Horrorfilms sein sollte, dominiert auch die knapp 70-minütige Doku The Sideshow Cinema, die außer der Produktionsgeschichte des Films kurze Biographien aller Hauptdarsteller und "Freaks" bietet. Sehr interessant, aber leider etwas langatmig und mit grauenhafter Zirkusmusik unterlegt. Der Audiokommentar Skals vermittelt beinahe identische Informationen zu Dreh und Darstellern ohne nervtötendes Endlosgedudel und ist daher eine gute Alternative zur Dokumentation.

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Auf einer Skala von Hervorragend – Sehr gut – Gut – Okay – Mäßig – Schlecht
Film: Hervorragend
Bild: Hervorragend (1.37:1 Full Screen)
Ton: gut (mono 1.0)
Extras: gut (Audiokommentar von David Skal, Dokumentation, Prolog, Epilog [mit Kommentar])

Freitag, 5. Januar 2007

Ein später Epilog zum vergangenen Jahr

Zum ersten Mal seit meiner ersten online veröffentlichten Kinobestenliste (das war im Jahre 2002) fällt es mir schwer, mehr als einige wenige Kinofilme des vergangenen Jahres als zukünftige Klassiker anzupreisen. Gleichzeitig gerate ich aber auch darüber ins Grübeln, eine Handvoll richtig katastrophaler Schundstreifen zu benennen. Ob das nun an meiner Vorsicht gegenüber schlecht rezensierten Filmen liegt oder einfach nur auf ein Jahr verweist, in dem uns Hollywood und der Rest der Welt mit nicht allzu viel CineMüll(TM) das Leben schwer machten, vermag ich nicht zu sagen. Im Großen und Ganzen also ein mittelmäßiges Jahr für uns Kinoliebhaber mit verhältnismäßig wenigen Highlights. Ja, der neue Bond war toll. Zugegeben, Scorsese knüpfte mit The Departed an Glanzleistungen früherer Tage an. Borat war eine längst überfällige und irrsinnig komische Abrechnung mit den USA und dem Rest der Welt. Und United 93 war tatsächlich eine eindrucksvolle Aufarbeitung des Themas 9/11. Doch um dies zu wissen, bedarf es wohl kaum meines Blogs. Was ich hingegen im Folgenden tun möchte, ist, auf einige der weniger bekannten Perlen des vergangen Kinojahres hinzuweisen.



Ihr wollt ein echtes Highlight? Ji-Woon Kims Dalkomhan Insaeng/A Bittersweet Life ist mit Sicherheit ein solches. Das südkoreanische Kino, das man nach einer Schwemme von künstlerischen wie kommerziellen Erfolgen zu Beginn des Millenniums bereits wieder auf dem absteigenden Ast sah, kriegt noch einmal die Kurve und beschert uns mit diesem stilsicheren Mix aus Actionthriller und Tragikomödie den Beweis, das der Blick gen Osten in Sachen Kino weiterhin lohnt. Kims The Foul King (2000) war es, der mich vor einigen Jahren dem koreanischen Film näher brachte. Seitdem ist der mit Preisen überhäufte Filmemacher mit der wunderbar altmodischen Gespenstergeschichte A Tale of Two Sisters (2003) aufgefallen und beweist nun erneut, das er in allen Genres zuhause ist. Ich sehe seinem nächsten Werk mit großer Spannung entgegen.



Und wer erinnert sich nicht gerne zurück an die Berlinale im Februar und den großen Aufruh um das wieder erstarkte deutsche Kino? Hans-Christian Schmids Requiem und seine Rekonstruktion einer auf Tatsachen basierenden Geschichte um den Exorzismus an einer jungen, an Epilepsie erkrankten Frau, vermochte noch einigermaßen zu fesseln. Oskar Roehlers Verfilmung des Houellebecq-Schockers Elementarteilchen geriet amüsant doch leider viel zu nett (und würde bitte endlich jemand Christian Ulmen mitteilen, dass sein schauspielerisches Talent kaum fürs Provinztheater ausreicht, geschweige denn für die große Leinwand!). Matthias Glasners Der freie Wille war eine dreistündige Zumutung, prätentiös bis zum gehntnichtmehr und dabei häßlich bebildert. Einzig Jürgen Vogels hedonistische doch zumindest intensive Darstellung des Vergewaltigers Theo rettete den Film vor dem totalen Absturz. Bleibt nur Valeska Grisebachs Sehnsucht als einzig wirklich funkelnder Stern am deutschen Kinofirmament des letzten Jahres. Ihr semidokumentarisches Drama berührte und betrat dank wunderbarer Laiendarsteller auch inszenatorisch Neuland. Mehr davon!


Und nun ab nach Hollywood... oder zumindest in die Nähe der Filmmetropole. Das letzte Jahr war reich an kleinen Independent-Produktionen aus den USA, die den Großen im Business meist qualitativ den Rang abliefen. Erstaunlicherweise war recht wenig Horrorschund darunter, eine doch erfreuliche Trendwende nach den blutgetränkten Debütwerken von Eli Roth, James Wan, Rob Zombie und Co., welche das Indie-Kino der letzten Jahre prägten. Da wäre zunächst einmal Brick zu nennen, Rian Johnsons an einer Highschool spielende Homage an den klassischen Film Noir. Zugegeben, es bedarf einiger Gewöhnung, den Protagonisten im Teenageralter beim Murmeln von an Bogart und Bacall erinnerender Dialoge zuzuhören, doch schon bald ist man komplett eingenommen vom schwarzhumorigen Drehbuch und den überwiegend brillanten Darstellern. Zwar kommt nicht jeder dieser an die Leistung Joseph Gordon-Levitts (Mysterious Skin) heran, doch sollte man sich hierdurch und eine gelegentlich die nötige technische Finesse vermissen lassende Inszenierung nicht den Spaß verderben lassen. Ebenso wie Rian Johnson gilt es auch, Noah Baumbauch im Auge zu behalten. Rein technisch ist The Squid and the Whale kein Debüt für den Co-Autor von The Life Aquatic with Steve Zissou (2004), doch das erste Werk, welches komplett die Handschrift Noah Baumbachs trägt. Teilweise etwas zu sehr dem ach-so-schicken Trend des "Postmodern Whimsy" (nicht meine Erfindung!) à la The Royal Tenenbaums (2002), Lost in Translation (2003) und Eternal Sunshine of the Spotless Mind (2004) verhaftet, ist der Film doch letztendlich eine weitgehend gelungene Beschäftigung mit dem Themen Familie, Tennung und Neuanfang. Etwas weniger feinfühlig nimmt sich auch das Debüt der Werbefilmer Valerie Faris und Jonathan Dayton, Little Miss Sunshine, dieser Themen an. Empfehlenswert ist das leicht nervige und mit etwas zuviel Kritikerlob überhäufte Filmchen aber allemal.


...und am Montag reisen wir ans andere Ende der Welt, um einen Blick auf den besten Film des vergangenen Jahres zu werfen.