Dienstag, 26. November 2013

Zurück in die Videothek - PRISON (USA 1988) und CASTLE FREAK (I 1995)

Eine der attraktivsten Erscheinungen unter den vielen übergroßen und oft lieblos gestalteten Plastikboxen in der Videothek um die Ecke war das Motiv zu Renny Harlins Prison - Rückkehr aus der Hölle. Das auf eine handliche Größe zurecht geschrumpfte Kinoplakat zeigt einen grobschlächtig aus Ziegelsteinen zusammengesetzten Schädel, dessen leere Augenhöhlen rückseitig unheimlich illuminiert werden. Tiefe Risse im Bauwerk und der in Form schief gewachsener, messerscharfer Zähne illustrierte Titel des Films unterhalb des Schädels ließen den geneigten Videothekenkunden unmissverständlich wissen, dass ihn auf dem abgenutzten Magnetband ein recht schauerliches Vergnügen erwarte. Und tatsächlich ist Prison auch ein Viertel Jahrhundert nach seinem Debüt ein erstaunlich effektiver Schocker. Man könnte gar behaupten, es sei der beste untoter-Knasti-auf-Rachefeldzug-Horrorfilm aller Zeiten.*


Prison ist vor allen anderen Dingen eines: ein geradliniger Slasher. Und darin liegt seine besondere Qualität. Regisseur Harlin verleiht seinem amerikanischen Studiofilm-Debüt ein gänzlich unprätentiöses Flair, das sich wenige Jahre auch in seinen höher budgetierten Actionkrachern wie Ford Fairlane (1990), The Long Kiss Goodnight (1996) und Deep Blue Sea (1999) wiederfinden sollte. Der Exil-Finne peitscht dem Zuschauer derart perfide Bilder von mit Stahlstangen penetrierten, mit Stacheldraht umgarnten und knusprig gegrillten Gefängnisinsassen um die Ohren, dass man mit selbigen spätestens zur Halbzeit des Films zu schlackern beginnt.


Viggo Mortensen spielt sich bravourös durch seine erste Hauptrolle. Wenige Monate bevor er todesmutig Leatherface - dem zu Unrecht gescholtenen zweiten Sequel zu Texas Chainsaw Massacre - entgegen trat, kämpft er hier todesmutig gegen das vom Geist eines hingerichteten Mannes besessene Gemäuer und einen nicht weniger unangenehmen Gefängnisdirektor (Lane Smith). Tatsächlich ist es neben dem jungen Ehrgeizling Harlin auf dem Regiestuhl vor allem Mortensens Charisma, das aus dem dramaturgisch recht dünnen Filmchen einen echten Leckerbissen für Freunde des Horrorkinos macht.


Solange es um lobende Worte geht, sollte man nicht John Carl Buechler vergessen, einen der ganz großen Zampanos handgemachter Kino-Effektkunst, der eine gute Handvoll recht kreativer Todesarten technisch beeindruckend umsetzt. Bei so viel positivem Krawall stört es auch kaum, dass die angedeutete Romanze zwischen Viggo Dreamy Eyes Mortensen und Justizbeamtin Chelsea Field nicht so recht zünden will und Prison über weite Strecken zudem etwas blutleer daher kommt. Aber wie so oft gilt eben auch hier: nobody's perfect.


An einem ganz anderen Wendepunkt seiner Karriere befand sich im Jahre 1995 Stuart Gordon. Dem verdienten Regisseur der kultisch verehrten und, naja, mehr oder weniger werktreuen H.P. Lovecraft-Adaptionen Re-Animator (1985) und From Beyond (1986) lag offenbar viel daran, seinem Lieblingsgenre, dem fantastischen Horrorfilm, neue Facetten zu verleihen. Nach Ausflügen in familientaugliche Fantasy (als Autor von Liebling, ich habe die Knder geschrumpft, 1989) und ins Actionkino (Robot Jox, 1989, und Fortress - Die Festung, 1992) kehrte er mit Castle Freak in ein Quasi-Lovecraft'sches Setting zurück. Zwei seiner Lieblingsdarsteller nahm er dafür mit nach bella Italia.


Mit der unbeschwerten, beinahe kindisch-vergnügten Albernheit seines 80er Jahre-Oeuvres hat Castle Freak wenig zu tun. Klar, das titelgebende Monster wütet durch die finster-feuchten Gänge des umbrischen Schlosses als gäbe es kein Morgen - und befriedigt die Erwartungshaltung blutdurstiger Zuschauer unter anderem mit blutigem Geschmatze an allen Extremitäten einer Prostituierten (Raffaella Offidani). Darüber hinaus bietet der Film aber faszinierende Einblicke in eine sich im Ausnahmezustand befindliche Familiendynamik. Die aufgrund eines durch den alkoholkranken Vater (Jeffrey Combs) verursachten Autounfalls erblindete Tochter (Jessica Dollarhyde) ist das personifizierte schlechte Gewissen, an dem die Ehe zwischen John und Susan Reilly (Barbara Crampton) zu zerbrechen droht.


Wem das jetzt zu esoterisch klingt und sich nach den oberflächlicheren Freuden eines Horrorfilms sehnt, dem sei beruhigend versichert, dass ein blindes Mädchen in einem dunklen Gemäuer auch sehr gewinnbringend zur Erzeugung eiskalter Spannungsmomente eingesetzt werden kann. Dieses Talent hat Stuart Gordon nicht verlernt und mit Castle Freak einen ambitionierten, kleinen, dreckigen Schocker geschaffen, der deftigen Grusel und Psychodrama zu einem wohlschmeckenden Genrefilm-Süppchen verrührt. Bon Appétit!

Eine deutschsprachige DVD oder Blu-Ray von Prison lässt weiter auf sich warten. Als sehr gute Alternative empfiehlt sich die liebevolle US-Veröffentlichung von Shout! Factory. Castle Freak erscheint am 13. Dezember 2013 mitsamt peinlicher Zitate auf dem Cover auf Blu-Ray und DVD.

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* Wes Cravens im Jahr nach Prison entstandener Shocker (1989) würde sicher gerne ein Wörtchen mitreden, disqualifiziert sich aber neben mäßiger filmischer Qualität auch durch die Tatsache, dass er trotz seines exekutierter-Häftling-auf-Rachefeldzug-Plots nur für kurze Abschnitte in einem Gefängnis angesiedelt ist.

1 Kommentar:

  1. This is the movie we must definitely watch. It contains a lot of horror episodes... Imagine that a blind girl in a dark building can also be used very profitably to produce ice-cold moments of tension.

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