Donnerstag, 7. März 2013

Wiegenlied für eine Leiche (USA 1964) - Bette Davis goes f***in' BONKERS!

Alle reden von Was geschah wirklich mit Baby Jane (1962), Thriller-Maestro Robert Aldrichs ersten Ausflug ins Genre des Glam Gothic Horror. Und ja, das ist nachvollziehbar. Bette Davis und Joan Crawford sind das glanzvollere Doppel im Vergleich zu good ole' Bette und der welken Südstaatenblume Olivia de Havilland. Und noch einmal ja, streng genommen ist Wiegenlied für eine Leiche in vielerlei Hinsicht ein Neuaufguss allerlei makaberer Späße, die es bereits in Baby Jane zu bestaunen gab. Schmälert all dies das potentielle Vergnügen, das man mit Aldrichs Wiegenliedchen haben kann und lohnt es daher weniger einer kurzen kritischen Betrachtung an dieser Stelle? Nicht im Geringsten.

Quelle: 20th Century Fox

Aldrichs Quasi-Sequel zum meisterhaften Baby Jane ist wenig subtil geraten. Und gerade dies ist seine Stärke. Gewürzt mit plakativen Schockeffekten und kreischenden Hollywood-Altstars in wallenden Nachtgewändern repräsentiert es in Formvollendung ein Genre, dem nur eine kurze Lebenszeit in den 60er Jahren vergönnt war - das des Grand Guignol'schen Psychothrillers, in dem alternde Superstars noch einmal richtig die Sau raus lassen. Und keine Große Alte Dame des Hollywoodkinos - außer vielleicht die großartige Susan Tyrell knapp zwei Jahrzehnte später - beherrschte das Spiel mit ihrem eigenen angeknacksten Mythos und auf der Klaviatur des Wahnsinns besser als Bette Davis.

Davis spielt in Wiegenlied die titelgebende Charlotte (OT: Hush... Hush, Sweet Charlotte), eine von Wahnvorstellungen heimgesuchte greise Lady, durch deren Augen wir Zeugen nächtlichen Spuks sind und zum Rätseln über die Authentizität des mysteriösen Treibens ermuntert werden. Ist es wirklich der Geist von Charlottes vor 40 Jahren unter mysteriösen Umständen ermordeten Liebhaber, der sie heimsucht? Oder ist sie es selbst, die des nächtens im Delirium Spiegel und Fenster ihres prachtvollen Anwesens zertrümmert und ihre Mitmenschen in die kollektive Verzweiflung treibt? De Havilland schlüpft in die Rolle von Miriam, die ihre Cousine Charlotte davon überzeugen will, ihre vom Abriss bedrohte Südstaatenvilla zu verlassen und sich ein neues Heim zu suchen. Ihr zu Seite steht Dr. Bayliss (Joseph Cotten!), der mit medizinischem Rat zu helfen versucht; und Velma (Agnes Moorehead!), Charlottes langjährige und notorisch mies gelaunte Dienerin.

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch an Kim Carnes' legendären Popsong "Bette Davis' Eyes" erinnern. Nun, bitte sehr.

Wer die eben genannten Namen der mitwirkenden Schauspieler aufmerksam las und zumindest ansatzweise etwas von der Blütezeit des klassischen Hollywoodkinos in den späten 30er und 40er Jahren versteht, der kann ahnen, welches Feuerwerk der Schauspielkunst Wiegenlied abfackelt. In der Gewissheit, dass Gothic Horror nach großen Gesten und schrillen Schreien verlangt, geben alle Darsteller ihr Äußerstes: Davis rollt in schöner Regelmäßigkeit dramatisch mit den Augen, Moorehead schmettert allerlei liebreizend Profanes im Südsaaten-Slang durch die ehrwürdigen Hallen des Anwesens, und Cotten lässt uns dank seines amüsant-süffisant-schleimbeuteligen Spiels lange Zeit über die wahren Motive seiner Figur im Unklaren. Selbst das typisch manierierte Gehabe von Vom Winde verweht-Ikone De Havilland passt abwechslungsweise gut in die Szenerie und wirkt weniger deplaziert als in Filmen wie Sein letztes Kommando (1941). Regisseur Aldrich inszeniert mit sicherer Hand und besonderem Augenmerk für elaborierte Kamerafahrten, welche die Schönheit der Sets und realen Drehorte hervorhebt.

Menschen mit einem ungesunden Fetisch für wasserdichte Plots und nachvollziehbare Figurenentwicklung wird Wiegenlied in den Wahnsinn treiben. Ein Rückblick zu Beginn des Films präsentiert uns ein öffentliches Trinkgelage knietief in der Prohibitionsära der 1920er Jahre. Charlottes Versuch, ihre Villa mit ein paar gezielten Schüssen auf die Abrissunternehmer und anschließendem Mordversuch an deren Vorgesetzten (ein junger George Kennedy) zu retten, wird vom Sheriff lediglich mit einem kleinen Tadel geahndet. Das Handeln fast aller Charaktere entbehrt über weite Strecken des Films jeglicher Logik und wird auch in dem von überraschenden Wendungen geprägten, finalen Akt nur bedingt erklärt. Doch dies ist verzeihlich, wenn man sich einfach auf den Spaß der Akteure und der Filmemacher einlässt. Und ist nicht das Kino der Ort, in dem wir der profanen Realität unseres Alltags zugunsten solch unterhaltsamer Irrsinnigkeiten entkommen dürfen?

Davis und Moorehead geben alles.

Wiegenlied für eine Leiche ist der seltene Glücksfall eines rundum geglückten B-Movies mit A-Level Production Values und großen Stars sein und sowieso unverzichtbares Kulturgut für alle Liebhaber hochglänzender Psychotronik, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Ein Biest von einem Film.

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