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Mittwoch, 25. Oktober 2017

Rezension: Conquest (IT/ESP/MEX 1983) von Lucio Fulci

Wäre der vorfreudig erregte Zuschauer nicht bereits durch das Kinoplakat auf Sword and Sorcery*-Kintopp eingestimmt, er könnte sich nach Sichtung des Prologs von Conquest ebenso in Lucio Fulcis Über dem Jenseits (E tu vivrai nel terrore – L'aldilà, 1981) wägen. Das kontrastarme, doppelt belichtete Filmbild und die durch Hall verzehrten Stimmen auf der Tonspur lassen keinen Zweifel daran, dass die Geschehnisse auf der Leinwand nicht innerhalb uns vertrauter Sphären zu verorten sind. Claudio Simonettis Score begleitet mit nahezu monotoner Intensität Ilias (Andrea Occhipinti) bei seinem Aufbruch in ein gefahrenvolles Abenteuer.

Ilias (Andrea Occhipinti) eilt zur Rettung. CONQUEST (Lucio Fulci, 1983)

Begnügen sich andere Helden des fantastischen Abenteuerfilms mit gottgleichem Gehabe unter Zurschaustellung übermenschlich anmutender Muskelberge, so scheint der junge Protagonist in Conquest tatsächlich dem mythologischen Himmelreich entsprungen zu sein. Nicht nur sein Name zitiert die Erzählungen Homers, auch Ilias' namenloser Vater, der ihn mit einem magischen Pfeil- und Bogenset für den Kampf gegen das Böse ausstattet, entspricht dem Jahrtausende bildender Kunst erwachsenen, vollbärtigen Abbild des Göttervaters Zeus. Die grausame Hexe Ocron (Sabrina Siani) kann zwar nicht mit einem ähnlich spektakulären Erscheinungsbild aufwarten wie Medusa in Kampf der Titanen (Clash of the Titans, 1981), teilt sich aber mit der von Ray Harryhausen animierten Göttertochter aus der griechischen Mythologie ein tödliches Antlitz und die sehr spezielle Vorliebe für Schlangen. Und Ilias' späterer Weggefährte Mace (Jorge Rivero) ist zweifelsohne bei Odysseus in die Ausbildung zum breitschultrigen, listigen Kämpfer gegangen.

Mace (Jorge Rivero) in Bedrängnis. CONQUEST (Lucio Fulci, 1983)

Conquests Verbundenheit mit Figuren und Erzählmustern antiker Heldensagen ist selbstverständlich keine einmalige Erscheinung im filmischen Universum barbarischer Krieger, Zauberer und übernatürlicher Wesen. Ein Blick auf die Gemälde Frank Frazettas, der Robert E. Howards Conan-Geschichten posthum kongenial illustrierte, genügt, um entsprechende unmittelbare und über den Umweg des Historienfilms entstandene Motive zu entdecken. Bemerkenswert ist die Dichte literarischer Einflüsse in Fulcis einmaligen Ausflug in die Welt der Sword and Sorcery dennoch. Verrät sie doch eine Liebe zum erzählerischen Detail, die den meist billig und schnell produzierten Epigonen des Kino-Conans abgeht.

Ocron (Sabrina Siani) und Zora (Conrado-San-Martín). CONQUEST (Lucio Fulci, 1983)

Umso mehr überrascht dies, da Conquest ohne Mitwirkung Dardano Sacchettis entstand, mit dem Fulci 1977 die – zumindest kommerziell – fruchtbarste Schaffensphase seiner Karriere eingeläutet hatte. Ein beruflicher und persönlicher Bruch hinter den Kulissen, der zumindest die Script-basierten Schwächen des Films nachvollziehbar erklärt. So bleiben abseits des charismatischen Kämpfers Mace alle Figuren erstaunlich farblos. Sabrina Siani muss sich in ihrer Darstellung der grausamen Zauberin Ocron weitgehend auf die Greueltaten ihrer nicht-menschlichen Mitstreiter Fado (José Gras) und Zora (Conrado San Martín) verlassen. Meist jedoch darf sie in ihr bemerkenswert knappes Kostüm gehüllt und in einer dunklen Höhle verborgen nur den immer gleichen Traum durchleben, in dem sie von Ilias magischen Pfeilen getötet wird, wobei das Gesicht der Schauspielerin unter einer ausdruckslosen Maske verborgen bleibt. Tiefere Einblicke in ihr Seelenleben verwehrt das Drehbuch dem Zuschauer ebenso wie die Möglichkeit, sich mit dem ewig fremdgesteuerten Protagonisten Ilias zu identifizieren. Wer es dennoch schafft, über den orientierungslosen Plot, die unter dem schmalen Budget leidende Qualität der Ausstattung, und Simonettis initial eher nach Tenebre (1982) denn Fantasiespektakel klingende Orchestrierung hinweg zu sehen, wird anderweitig belohnt.

Mace (Jorge Rivero) im finalen Kampf. CONQUEST (Lucio Fulci, 1983)

So glänzt Conquest mit einigen der eindrucksvollsten Bilder in Fulcis Schaffen, eingefangen durch den Spanier Alejandro Ulloa in scheinbar niemals endenden Momenten abendlicher Dämmerung. Insbesondere eine längere Sequenz gegen Ende des Films, in der wir Zeugen der Kreuzigung von Mace, seiner maritimen Beinahe-Beerdigung, Rettung durch Delphine und Wiedervereinigung mit Ilias werden, lässt den Film in episch-poetischer Größe erstrahlen. Auch macht Conquest keine Gefangenen, wenn es um die explizite Gewaltdarstellung. Gleich zu Beginn erfreut Effektspezialist Franco Rufini den geneigten Zuschauer mit mutwillig geöffneten und entleerten Schädeln sowie dem durchtrennten Torso einer jungen Frau. Der menschliche Körper, so scheint es, dient in Conquest nur zwei Dingen: als Fleisch gewordene Waffe oder nährendes Elixier für die Hinterbliebenen. Selbst Helden und Schurken finden auf letzterem Wege zusammen. Ocrons Sättigung durch das Blut Unschuldiger spiegelt sich am Ende des Films in der rituellen Salbung des Protagonisten mit den verkohlten Überresten seines ermordeten Gefährten wider.

Ocron (Sabrina Siani) träumt. CONQUEST (Lucio Fulci, 1983)

In der abwechselnd von bedrückender Melancholie und gnadenlosem Zynismus bestimmten Tonalität des Films liegt sowohl sein größter Reiz als auch die Unmöglichkeit, ein großes Publikum zu erreichen, begründet. Die Ähnlichkeiten zu Einer gegen das Imperium (Il Mondo di Yor, 1983), Krull (1983), Der Todesjäger (The Deathstalker, 1983) und unzähligen weiteren im Fahrwasser des Kassenerfolgs von Conan der Barbar (Conan the Barbarian, 1983) entstandenen Sword and Sorcery-Filmen sind rein oberflächlicher Natur. Unbeschwerte und triumphale Momente haben in Conquest keinen Platz. Die vom Zuschauer ersehnte Katharsis bleibt aus. Jenseits des auf dem Kinoplakat gezeigten Glanzes kühner Helden und fantastischer Kreaturen offenbart sich die dunkle Welt gebrochener Krieger im Kampf um die Rettung einer Welt, die bereits verloren scheint. Und so liegt letztendlich Fulcis größtes Zugeständnis an die Kommerzialität des widerborstigen Films darin, dass ihn sein Titel im alphabetisch sortierten Videothekenregal in die größtmögliche Nähe zu Conan rückt. Immerhin.

Ilias und Mace wieder vereint. CONQUEST (Lucio Fulci, 1983)

* Hierzulande in der popkulturellen filmischen Diskussion meist despektierlich 'Barbarenfilm' oder - seltener und falscher - 'Sandalenfilm' genanntes Subgenre der phantastischen Fiktion. Sowohl Barbaren als auch Träger leichter Fußbekleidung sind in der Sword and Sorcery Fiction zugehörigen Literatur und Kino selten anzutreffen.

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