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Sonntag, 1. Januar 2017

Bonus Podcast #21: Martyrs (CAN/F 2008) Audiokommentar

Ausnahmsweise solo und noch leicht verkatert spricht Patrick über einen der wichtigsten Horrorfilme des neuen Jahrtausends - Martyrs (2008) von Pascal Laugier. Im Audiokommentar geht es um die Entstehung des Films, dessen Stilmittel, Einflüsse, die Karrieren der Künstler vor und hinter der Kamera, andere Vertreter des New French Extremity Kinos, und die Kontroversen sowie harsche Kritik, welche die Veröffentlichung des Films 2008 begleiteten.

Bitte beachten: Der Audiokommentar beginnt mit Anzeige der Studio-Logos. Bei Erscheinen der WILD BUNCH-Animation bitte 'Play' drücken. Der Kommentar läuft synchron zur ungeschnittenen Fassung des Films (Laufzeit: ca. 99 Minuten bei 24 fps).

Audiokommentar abspielen:


Audiokommentar Download: http://traffic.libsyn.com/bahnhofskino/Bahnhofscast_Bonus_21.mp3 (ca. 90 MB)

Mylène Jampanoï als Lucie in MARTYRS (2008). Quelle: Wild Bunch

Kommentare:

  1. Wow. Das habe ich jetzt nicht kommen sehen. Toll. Danke.

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  2. Vielen Dank für den interessanten Audiokommentar.
    Martyrs ist ein einzigartiger und über die Grenzen des Genres hinausreichend ein bedeutsamer Film.

    Deinen Satz "Hätte man das Geschlechterverhältnis von Martyrs umgekehrt, wäre es nur eine weitere Hostel-Variante gewesen" habe ich allerdings nicht verstanden. Vielleicht meintest du etwas anderes? Ein Film wird doch nicht dadurch besser, dass die Opfer/Täter Frauen bzw. Männer sind?

    Ein Hauptunterschied zu Hostel ist meinem Empfinden nach, dass Hostel bloß eine herkömmliche "Torture & Revenge" Story ist. Erst wird der Protagonist erniedrigt und gefoltert, danach nimmt er an seinen Peinigern Rache. Gerade das letzte Drittel von Hostel finde ich in seiner Dümmlichkeit kaum zu übertreffen.
    Martyrs setzt ähnlich wie Irreversible die Rache erzählerisch vor die Folter. Und während bei Irreversible der Zuschauer direkt erfährt, dass die Rache auch noch die falsche Person trifft, ist man bei Martyrs zumindest unsicher. Dadurch wird das gängige "Torture/Rape & Revenge" Muster umgekehrt und statt Triumph stellt sich totale Beklemmung ein.

    Funny Games macht etwas Ähnliches mit seiner Fernbedienungs-Szene, wenn der Befreiungsschlag der Familie, auf den der Zuschauer so sehnlich gewartet hat, zurückgespult und ungeschehen gemacht wird. Du hast mehrfach erwähnt, dass du den Film nicht magst. Ich respektiere deine Meinung - glaube aber, dass du dem Film ein wenig auf den Leim gehst. Wenn sich die Killer an den Zuschauer richten und komplizenhaft sagen "Ihr wollt doch sehen, wie wir die Familie kaputtmachen." ist das meiner Ansicht nach gerade kein erhobener Zeigefinger, sondern in Wirklichkeit verhöhnt der Film hier den Zuschauer. Denn man will ja gerade das Gegenteil von dem sehen, was einem gezeigt wird. Man will ja sehen, dass die Familie endlich zurückschlägt und die Killer fertigmacht. Ich empfinde das nicht als Belehrung, sondern im Gegenteil als ultimative Frustrierung und Verhöhnung des Zuschauers. Mögen muss man das natürlich nicht, sehenswert finde ich es trotzdem.

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    1. Hallo,

      Danke für deinen Kommentar. In der Tradition unseres Podcasts, in dem wir Gedanken möglichst spontan entstehen lassen und wenig vorab formulieren, ist auch dieser Audiokommentar entstanden. Will heißen: es kann durchaus sein, dass die ein oder andere doppeldeutige oder unklare Aussage dabei ist.

      Zum ersten Punkt betreffend die smarte Konstruktion des Films: volle Zustimmung. Mein Kommentar zu den Geschlechterrollen bezog sich eher auf die stereotype Rollenverteilung im Subgenre des 'Folter-Entertainments' (oder wie auch immer man das nennen mag), in dem wir überwiegend männliche Opfer wie Täter sehen und Abweichungen von diesem Muster nur sporadisch (z.B. in Hostel 2 oder den Saw-Sequels) als gezielte Grenzüberschreitung eingesetzt werden. Und selbst dann niemals in der kontinuierlich konfrontativen Art wie in MARTYRS. Ich gebe zu, dass ich es mir mit einer Aussage wie "dann wäre MARTYRS nur ein HOSTEL-Klon" zu einfach mache. Den von dir schön umrissenen Aufbau des Films hatte ich dabei nicht im Hinterkopf. Dass fast alle für den Film relevanten Figuren Frauen sind und diese Tatsache sowohl für Aussage, transgressive Wirkung und Differenzierung MARTYRS' vom seinen Genre-Zeitgenossen essentiell sind, steht aber wohl außer Frage.

      Dein zweiter Punkt zu FUNNY GAMES klingt - mit Verlaub - etwas nach Haarspalterei. Nicht belehren, aber verhöhnen und frustrieren will der Film? Meinetwegen. Leider glaube ich nicht, dass diese Attitüde des Films als positives Qualitätsmerkmal gelten kann und IMHO einfach dem Weltbild eines Mannes entspringt, der akademisch und entrückt auf ein Kino und dessen Publikum blickt, dass er nicht kennt und schon gar nicht versteht. Weder glaube ich, dem Film 'auf den Leim gegangen' zu sein, noch halte ich Liebhaber des Films für naive Gorebauern oder große Moralisten. Ich halte FUNNY GAMES einfach abseits zwei, drei sehr guter Ideen für einen wenig gehaltvollen Film, dessen wiederholte Sichtung keinen Mehrwert hat und die Zielgruppe, die es zu 'verhöhnen' gilt durch seine schulmeisterliche Art gar nicht erst erreicht. Hanekes Werk gefällt mir mittlerweile besser, Filme wie BENNYS VIDEO oder FUNNY GAMES wirkten auf mich aber bereits damals bei genauerer Betrachtung wie der Blick auf die Welt durch die Augen eines verbitterten alten Mannes, der sich moralisch allem überlegen fühlt und die Verkommenheit der Welt lamentiert. Sehenswert: Definitiv. Aber in meinen Augen eben auch ein one-trick pony, das man kein zweites Mal satteln möchte.

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    2. Vielen Dank für deine Antwort. Jetzt verstehe ich besser, was du meintest. Es ist ja auch auffällig, dass gerade das französische Genrekino der letzten Jahre (ohne die Filme über einen Kamm scheren zu wollen, die ja doch thematisch und stilistisch ganz unterschiedlich sind) sehr reflektiert und differenziert (und teilweise in extremer Drastik) mit den Themenbereichen Körperlichkeit und Geschlecht umgeht. Es ist auch schön zu sehen, wie hoch der Einfluss von Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen im französischen Horrorkino ist.

      Danke auch für deine Replik auf meinen vielleicht zu platt formulierten Haneke-Kommentar. Haarspalterei wollte ich nicht betreiben, sorry dafür. Ich schätze an seinen Filmen das inszenatorische Können und finde, dass es im deutschsprachigen Raum nur wenige Regisseure gibt, die so atmosphärisch dichte Filme hinbekommen - aber das ist nur meine subjektive Meinung, die ich keinem aufdrücken will. Ich teile deine Ansicht, dass Haneke wenig Einsicht in Strukturen und Facetten des Horrorkinos hat, und glaube, dass der Film viel weniger disruptiv und viel mehr echter Genrefilm ist, als Haneke es vielleicht selber hätte. Oder anders gesagt: Das Disruptive, Transgressive ist ja gerade einer der Wesenszüge des Horrorkinos. Und auch das sadistische Spiel mit dem Zuschauer ist nichts, was Haneke erfunden hat. Deshalb ist der Film für mich ein vollwertiges Genrestück, an dem jeder, der mag, seine Freude haben darf.

      Genug Blabla. Ich freue mich sehr auf euren nächsten Podcast!

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  3. Zu Funny Games erlaube ich mir folgende Anmerkung: Ich bin mir nicht sicher, ob der Film "die Zielgruppe, die es zu 'verhöhnen' gilt durch seine schulmeisterliche Art gar nicht erst erreicht." In einem Interview beklagte sich Ulrich Mühe seinerzeit über die FSK18-Freigabe sowie über den Umstand, dass der Film in den Videotheken bei den Slasher-Filmen stehe. Da gehöre er nicht hin. In jedem Fall glaube ich, dass ein Mehrwert einer nochmaligen Sichtung durch Haneke gar nicht beansichtigt ist. Die Kernaussage des Films, dass Gewalt nicht konsumierbar ist, hat sich bei mir als zugegebenmaßen durchaus zartbesaiteten Filmliebhaber bei der erst- und einmaligen Sichtung tief verfestigt.

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    1. Oh weh, ich sehe, dass mein ursprüngliches Posting anscheinend total missverständlich war. Mitnichten wollte ich jemals sagen, dass es bestimmte Zielgruppen gibt, die es zu verhöhnen gilt. Um Himmels willen, etwas derart Anmaßendes und Überhebliches ist das Gegenteil von dem, was ich sagen wollte.
      Was ich sagen wollte, ist, dass ich hier nicht den Duktus eines Schulmeisters sehe, sondern den eines Sadisten, der sein Opfer am Ende auch noch verhöhnt.
      Wenn Haneke hier "pädagogisch" sein wollte, geht er mit Sicherheit fehl.
      Was der Film tut, ist den Zuschauer kompromisslos zu schikanieren. Und das tut er mit inszenatorischer Virtuosität.
      Der Film ist für jeden da - egal ob Gorehound oder Moralist -, der einen Schritt Abstand zu seiner eigenen Zuschauerhaltung nehmen kann und sich daran faszinieren kann, wie diese permanent unterlaufen und sabotiert wird.

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    2. Danke für deinen Kommentar. Da gehen eben einfach unsere Meinungen auseinander. Du magst völlig recht haben mit deinem Argument, ein Film wie FUNNY GAMES müsse zum Erreichen des Ziels, das er sich selbst setzt, nur einmalig funktionieren. Das tut er für dich. Und mutmaßlich für den größten Teil der Zuschauer. Da ich mich privat und noch ausgeprägter damals im Studium gerne mehrfach mit einem Film auseinander setze, ist meine Liebe zu FUNNY GAMES nicht sehr groß. Mein Eindruck ist, dass er abseits seiner eindrucksvoll - auch wenn ich Hanekes Weltsicht nicht teile - vermittelten Botschaft nicht viel zu sagen hat. Das ist kein singuläres Problem und ich könnte zahlreiche Filme nennen, die mich beim ersten Sehen beeindruckt haben und schon beim zweiten Mal nur noch Schulterzucken auslösen, weil ihre Tricks so durchschaubar und die Dramaturgie schlicht ist. Aber ich möchte jetzt den Vergleich von MARTYRS mit FUNNY GAMES nicht über Gebühr strapazieren. Beide sind herausragende Werke ihrer Zeit.

      Und noch ein Gedanke: ich hatte mir FUNNY GAMES Ende der 90er auch in der Videothek ausgeliehen. Der Film stand aber definitiv in der Drama-Ecke. Soweit ich weiß, neben einem Meryl Streep Tearjerker. Ich glaube, es war SILKWOOD.

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  4. Super Cast, vielen Dank dafür. Martyrs ist wirklich eine der fiesesten Booby Traps des Genrekinos und ich kenne einige Aficionados, die nach den ersten 3 Minuten mit etwas völlig anderem gerechnet haben, als sie dann zu sehen bekamen. Wie Laugier Konventionen, Darstellungsweisen und Ästhetiken nutzt, um falsche Fährten zu legen, ist außergewöhnlich. Zeigt der Film doch auf, zu was ein Horrorfilm, wenn er sich wirklich ernst nimmt, in der Lage ist.

    Und damit ist er Funny Games um Einiges voraus. Ich mag einige Filme von Haneke (vor allem Cache), aber Funny Games gehört in seinem konservativen Besserwisser-Gestus sicher nicht zu seinen besten Arbeiten. Ich habe da einige Erfahrungen gemacht, die Patricks These entsprechen, dass der Film sein eigentliches Ziel nicht erreicht. Ich kenne viele Genrefans, die den Film heiß und innig lieben, weil er so böse und unbarmherzig ist. Die verstehen genau, was der Film versucht, lieben ihn dann aber für genau die Gründe, die Haneke als eigentlich verdammen wollte.

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    1. Mittlerweile sprechen wir hier ja fast ebenso viel über FUNNY GAMES wie MARTYRS. Aber na gut. Immerhin sind wir uns einig und ich muss nicht viel hinzufügen. Außer: Danke für deinen Kommentar!

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  5. Vielen Dank für den Audiokommentar. Ich finde diese Sonderform eures Podcasts wirklich sehr gelungen, da sie sich einem bestimmten Film ausführlicher widmet und über seine Lauflänge auch Gedanken zu Kleinigkeiten geäußert werden, die sonst mit „Aber eigentlich mag ich der Film“ zusammengefasst werden.
    Zu MARTYRS und meiner ersten Seherfahrung muss ich sagen, dass ich mich bei dem Audiokommentar ertappt gefühlt habe. Ich habe einen ähnlich gearteten Film erwartet wie HIGH TENSION und wurde durch die ersten Minuten darin bekräftigt einen eher konventionstreuen Horrorfilm zu sehen. Bis zum Bruch, der mich leider aus den Film geworfen hat. Die nachfolgenden Wendungen/Brüche haben anschließend nicht zur Freude, sondern zur weiteren Distanz und folglich zu einer ablehnenden Haltung meinerseits beigetragen.
    Dennoch muss ich einräumen, dass MARTYRS trotz meiner Distanz und vielleicht sogar durch meine Erwartungen überaus unangenehm war. Also hat er im Prinzip, trotz fehlender Erkenntnis, wunderbar „funktioniert“. ;) Möglicherweise liegt das zum einen am fehlenden Hintergrundwissen über das „New French Extremity“-Kino und zum anderen an den Erwartungen.
    Wie dem auch sei, euer Podcast hat wieder einmal zu neuen Sichtweisen geführt, weshalb eine erneute Sichtung nur eine Frage der Zeit sein wird.
    Danke, Bahnhofskino.

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